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125 Jahre Elisabeth Selbert


#125jahreselbert Folge 5

Elisabeth Selbert und das Grundgesetz

Am 23. Mai 1949 wurde im Rahmen einer feierlichen Sitzung das Grundgesetz für die Bundesrepublik verabschiedet und damit der neue Staat gegründet. Im Grundgesetz enthalten, Art. 3 Abs. 2: Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Heutzutage liest man, auch auf seriösen Seiten, dies wäre ein Erfolg der vier Frauen im Parlamentarischen Rat gewesen, die sich alle gleichermaßen für die Gleichberechtigung eingesetzt hätten und sich damit gegen die Männer durchgesetzt hätten. So logisch dies klingt, so falsch ist es.

Die Überlegung, die unumschränkte Gleichberechtigung im Grundgesetz festzuschreiben war eine Forderung, die aus den Reihen der SPD kam und die nach einer harten Debatte von allen Mitgliedern dieser Partei im Parlamentarischen Rat vertreten wurde. Die der SPD entgegen stehenden Parteien wie die CDU, das Zentrum oder die FDP unterstützten diese Forderung nicht und auch die Frauen in diesen Fraktionen, also Helene Weber und Helene Wessel lehnten die Gleichberechtigung der Frau erst einmal ab. Erst als sich im Hauptausschuss abzeichnete, dass doch alle Parteien die Forderung der SPD unterstützen würden, signalisierten auch die beiden Helenes ihre Zustimmung. Also: Kein Kampf DER Frauen gegen DIE Männer.

Möglich geworden war dieses Umschwenken der anderen Parteien durch einen zähen und strategischen Kampf der Kasseler Juristin Elisabeth Selbert. Diese, auch dies liest man immer wieder, hätte es durch eine kluge Kampagnenarbeit geschafft, dass viele engagierte Frauen sich für die Gleichberechtigung beim Parlamentarischen Rat eingesetzt hätten. Es wäre so viel Post zusammen gekommen, dass diese in Waschkörben in den Rat „hineingeschüttet“ wurde. Ein schönes Bild – aber sehr wahrscheinlich auch falsch. Nach intensiven Recherchen konnten an die 50 Schreiben ermittelt werden, zu wenig für die berühmt gewordenen Waschkörbe. Es spricht sehr für das politische Geschick und die gelungene Rhetorik von Elisabeth Selbert, dass sie es trotz dieser ungünstigen Ausgangslage geschafft hat, die SPD-Forderung nach Gleichberechtigung der Geschlechter durchzusetzen.


#125jahreselbert Folge 4

Elisabeth Selbert und die Hessische Verfassung

Elisabeth Selbert war eine derjenigen, die sofort nach der #Befreiung Deutschlands von der nationalsozialistischen #Diktatur politisch wieder aktiv wurde. Die Sozialdemokratin wurde sowohl in die Stadtverordnetenversammlung für #Kassel als auch in die Verfassungsberatende Landesversammlung gewählt. Auch dem #HessischerLandtag gehörte sie ab 1946 für 12 Jahre an.

In der Landesversammlung setzte sich #ElisabethSelbert für viele Themen ein: Gewaltenteilung im neuen Land, Versammlungsrecht, #Freiheit der Person und Ächtung des Krieges. Auch die Gleichberechtigung der Geschlechter wurde in der Landesversammlung diskutiert, aber nicht explizit festgeschrieben. Stattdessen wurde formuliert: „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich, ohne Unterschied des Geschlechts, der Rasse, der Herkunft, der religiösen und der politischen Überzeugung.“ Warum interveniert Selbert hier nicht? Eine Biografin vermutet, dass Selbert zu diesem Zeitpunkt noch nicht erkannt hatte, dass die explizite Festschreibung der #Gleichberechtigung ein Hebel sein konnte für die Reformierung des frauenfeindlichen Bürgerlichen Gesetzbuches. Vielleicht ging sie aber auch stillschweigend davon aus, dass die Gleichberechtigung selbstverständlich war und sie deswegen keine Notwendigkeit sah, diese festzuschreiben?

Die Hessische #Verfassung trat durch eine Volksabstimmung 1946 in Kraft – ohne explizite Hinweise auf Gleichberechtigung. Dies wurde aber nachgeholt: 2018 wurde die Hessische Verfassung in 15 Punkten geändert. Mit 88,6 % stimmten die Wahlberechtigten dafür, auch die Gleichberechtigung der Geschlechter festzuschreiben. Was zeigt uns das? Auch Selbert erkannte erst mit der Zeit, dass es nötig war, die Gleichberechtigung glasklar zu formulieren, damit die „Gleichberechtigung [nicht] immer noch nur eine papierne ist“, wie sie schon 1920 formuliert hatte.

 


#125jahreselbert Folge 3

Elisabeth Selbert und der Internationale Frauentag

 

 

Der 8. März – Internationaler Frauentag war und ist für viele politisch aktive Frauen ein ganz besonderer Tag. In Berlin gilt er seit 2019 sogar als gesetzlicher Feiertag. Aber war er auch für Elisabeth Selbert so besonders? Ja – und das ist auch kein Wunder! Denn dieser Tag war als „Kampftag um das Frauenwahlrecht“ von der Sozialistin Clara Zetkin 1910 ins Leben gerufen worden, war also ein sozialdemokratischer/sozialistischer Tag.

Was aber machte Elisabeth Selbert am Internationalen Frauentag? Sehr wahrscheinlich war dieses Datum für sie immer schon wichtig gewesen, denn auch in der Weimarer Republik wurde es begangen. Aus ihrem Nachlass wissen wir, dass der Frauentag 1947 für Selbert sehr bedeutungsvoll war. In diesem Jahr wurde nämlich die Tradition des Frauentages nach seinem Verbot unter den Nationalsozialisten wieder aufgegriffen und es war Elisabeth Selbert, die ihn für die gesamte Region Nordhessen gestaltete. Ihr Hauptarbeitstag war dabei der 15. März – ein Samstag. An diesem ging es offiziell um 15 Uhr los. Sie hatte zusammen mit ihrer Partei zu einer Großkundgebung in Kassel aufgerufen und es kamen fast 1.000 Menschen zusammen. Das Hauptreferat hielt die Kasseler AWO-Mitgründerin Käthe Richter.

In einem Brief, der sich in ihrem Nachlass findet, schrieb Selbert an die SPD-Frauensekretärin Herta Gotthelf, dass die Veranstaltung in Kassel „ein großer Erfolg“ war. Damit aber noch nicht genug: Am gleichen Tag waren die Organisatorinnen noch um 19 Uhr in Großalmerode und um 20.30 Uhr in Witzenhausen tätig. Einen Tag später, am Sonntag, folgten Reden in Sontra, Bebra, Lispenhausen, Hersfeld, Nentershausen, Ronshausen und Rotenburg. Dabei wurde Selbert von Marianne Gründer, Minna Hoffahrt und Käthe Richter unterstützt, alles erfahrene Genossinnen und langjährige Weggefährtinnen. Ganz zufrieden war Selbert mit diesem ersten Nachkriegs-Frauentag noch nicht. „Ich muss sagen“, so Selbert, „dass vieles mir noch nicht gefällt und im nächsten Jahr besser ausgestaltet werden muss.“ Wir sind uns sicher, dass sie diese Verbesserungen 1948 umgesetzt hat.


#125jahreselbert Folge 2

Elisabeth Selbert: Eine Juristin aus einfachen Verhältnissen

 

 

Als Martha Elisabeth Rohde am 22. September 1896 in Kassel als zweite Tochter des „Gefangenenaufsehers“ Georg Rohde und seiner Frau Elisabeth Sauer geboren wurde, war es alles andere als selbstverständlich, dass sie einmal als selbständige Anwältin mit eigener Kanzlei arbeiten würde. Wie das Adressbuch von 1896 verrät, kam die Familie mit dem Wohnsitz in der Unterneustadt in der Wallstraße 6, einem großen Mietshaus mit 16 anderen Parteien, aus einfachen Verhältnissen. Eine lange Ausbildung der vier Töchter konnte sich die Familie nicht leisten.

Nach dem Besuch der Volks- und Realschule, die Elisabeth ohne Abschluss verließ, besuchte sie die Gewerbe- und Handelsschule des Casseler Frauenbildungsvereins. Damit profitierte sie von einer der renommiertesten Mädchenschulen Kassels, die noch heute als Elisabeth-Knipping-Schule existiert. Die Gründerinnen der Schule wollten in der Mitte des 19. Jahrhunderts eine eigenständige Berufstätigkeit von Frauen fördern, um damit jungen Frauen eine andere Perspektive zu eröffnen. Dank dieser Ausbildung fand Elisabeth Rohde eine Stelle als Fremdsprachensekretärin; ab 1916 war sie im Telegrafendienst der Post tätig. Hier lernte sie ihren späteren Ehemann Adam Selbert kennen, das Paar heiratete 1920.

 

Während ihres Engagements für die SPD merkte Elisabeth Selbert schnell, dass ihr eine fundierte Ausbildung fehlte. Die Mutter zweier Söhne (geb. 1921 und 1922) entschloss sich, ein Jurastudium aufzunehmen. Dafür holte sie 1926 zunächst ihr Abitur nach und begann im gleichen Jahr ihr Studium in Marburg. In der Regelstudienzeit von sechs Semestern schloss sie ab, im siebten verfasste sie ihre Dissertation zum Thema „Ehezerrüttung als Scheidungsgrund“. Eine für die Zeit sehr revolutionäre Forderung, denn die damaligen Scheidungen konnten immer nur erfolgen, wenn einer der Beteiligten die Schuld auf sich nahm und damit auf den wichtigen Versorgungsausgleich verzichtete. 1930 erhielt sie ihren Doktortitel und wurde 1934 als eine der letzten Frauen als Anwältin zugelassen.


#125jahreselbert Folge 1

Eine Kasselerin für die Gleichberechtigung der Geschlechter

 

 

„Der klare Satz, ‚Männer und Frauen sind gleichberechtigt‘ ist so eindeutig, dass wir ihn nicht negativ umschreiben brauchen.“ (Elisabeth Selbert 1948 im Parlamentarischen Rat)
 

Als am 18. Januar 1949 die Gleichberechtigung der Geschlechter (Art. 3 Abs. 2 Grundgesetz) einstimmig im Hauptausschuss des Parlamentarischen Rates angenommen wurde und dadurch im Grundgesetz verankert wurde, war der Grundstein für eine geschlechtergerechtere Gesellschaft gelegt. Dabei war dieses Ergebnis alles andere als selbstverständlich, denn noch im Dezember 1948 war eben diese klare Formulierung im Hauptausschuss mehrheitlich abgelehnt worden. Nur durch Beharrlichkeit, Entschiedenheit und politische Klugheit gelang es Elisabeth Selbert, die Blockade im Parlamentarischen Rat zu durchbrechen und die Forderung nach Gleichberechtigung durchzusetzen. Dies gelang ihr auch deshalb, weil sie frauenpolitisch gut vernetzt war und durch Hertha Gotthelf, die Frauensekretärin der SPD, eine tatkräftige Unterstützerin an ihrer Seite hatte.

 

Elisabeth Selbert, die einen Tag nach der Annahme des Art. 3 Abs. 2 im Hauptausschuss eine Radioansprache hielt, sprach von der „Sternstunde ihres Lebens“. Vor allem eines wollte sie: die Basis für eine grundlegende Veränderung der Stellung der Ehefrau im frauenfeindlichen Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) erreichen. Elisabeth Selbert fragte dazu ihre Hörer:innen in der Radioansprache: „Wissen überhaupt die meisten Frauen, wie rechtlos sie sind?“
 

Bis heute hat der Art. 3 Abs. 2 nichts von seiner Aktualität verloren. So verweisen viele Gesetzesvorhaben, die sich mit der Stellung von Männern und Frauen in der Gesellschaft beschäftigen, auf die Gleichberechtigung im Grundgesetz. Auch die Forderung nach Parität in der Politik, d.h. die Idee, dass Männer und Frauen gemäß ihres Anteils an der Gesellschaft in politischen Gremien vertreten sind, greift auf diesen Grundsatzartikel zurück. Nicht auszudenken, wo die Gesellschaft und vor allem die Frauen heute stünden, wenn Elisabeth Selbert sich 1949 nicht hätte durchsetzen können! An diesen geschichtsträchtigen Einsatz möchten wir erinnern und unsere Ehrenbürgerin gebührend feiern.

Ansprechpartnerin

Alice von Berg