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Ariadne 77: A never ending story? Zur Geschichte von Praxis, Diskussion und rechtlichen Regelung der Abtreibung

Seit 2017 wird in Deutschland, nach Jahren der müden Stille, wieder öffentlich über Abtreibung diskutiert. Dem vorausgegangen war der lange von der Öffentlichkeit nicht wahrgenommene Kampf konservativer Abtreibungsgegner:innen, die den unbeachtet gebliebenen Paragraphen 219a StGB für ihre Zwecke entdeckt hatten. In diesem wird geregelt, dass für eine Abtreibung – eines Vermögensvorteils wegen – nicht geworben werden dürfe. Die Prozesse aufgrund § 219a gegen die Ärztinnen Kristina Hänel, Nora Szàsz und Natascha Nicklaus hatten eine große mediale Öffentlichkeit und Debatte nach sich gezogen. Ausgehend von dieser Zäsur und der dadurch wieder einmal ausgelösten Debatte in Gesellschaft, Politik und Medizin möchten wir den Blick auf die lange Geschichte der Abtreibung und ihrer Diskussion lenken und nach den Konfliktlinien, aber auch den Aktionsformen und Diskurspraktiken fragen, die sich in den letzten 150 Jahren um die Abtreibung und die Versuche der gesetzlichen Regelung gebildet haben. Dabei sollen auch konkrete medizinischen Praktiken und erwähnenswerte Positionen und Orte für und gegen dieAbtreibung in den Blick genommen werden. In der ausführlichen Ausschreibung finden Sie weitere Angaben. Wir freuen uns auf Ihre Bewerbung bis zum 1. Mai 2020.


Ariadne 76 – (Inter)nationale Frauenkongresse. Zusammenarbeit, Abgrenzung und öffentliche Wahrnehmung

Erscheinungstermin: Mai/Juni 2020

Im Sommer 1904 trafen sich in der Berliner Philharmonie einige hundert Delegierte aus den sechzehn Mitgliedsländern des Internationalen Frauenbundes (International Council of Women, ICW). In zwanzig verschiedenen Sektionen diskutierten sie Fragen der Frauenbildung, der rechtlichen Stellung von Frauen, der weiblichen Berufstätigkeit sowie das weite Feld ihres sozialen Engagements. Öffentliche Abendveranstaltungen mit prominenten Rednerinnen wie der österreichischen Pazifistin Bertha von Suttner oder der amerikanischen Ökonomin Charlotte Perkins waren schon Stunden vor Beginn bis auf den letzten Platz besetzt. Dieser internationale Kongress zog in vieler Hinsicht weite Kreise; er bewies zum einen, wie Alice Salomon, eine der Mitorganisatorinnen, betonte, "daß die vereinte Kraft tüchtiger Frauen Veranstaltungen schaffen kann, die in Bezug auf Organisation, wissenschaftliche und rhetorische Leistungen sich den glänzendsten Kongressen von Männern zur Seite stellen können."[1] Zum anderen wurde die deutsche Frauenbewegung nach diesem 'glänzenden' Kongress geradezu gesellschaftsfähig; zumindest nahmen jetzt "die offiziellen Kreise Berlins die Existenz von progressiven, akademisch gebildeten und arbeitenden Frauen zur Kenntnis."[2] Der Kongress in Berlin war nicht der erste seiner Art, wenn auch der erste Frauenkongress dieser Dimension in Deutschland. Wie schon seine Vorgänger in Chicago 1893 und London 1899 diente er dem Knüpfen von Netzwerken in den Frauenbewegungen; viele ihrer Mitglieder schätzten solche Veranstaltungen vor allem wegen der Möglichkeit, neue Kontakte aufzubauen. Selbst Gertrud Bäumer, die 1910 Marie Stritt als Vorsitzende des Bundes deutscher Frauenvereine (BDF) ablöste, anders als diese aber vom Nutzen internationaler Frauenorganisationen nicht immer überzeugt war, äußerte sich nach dem Berliner Kongress enthusiastisch: "[W]ie schnell entstand jene Atmosphäre des gegenseitigen Sichkennenlernens und Findens, die in wenigen Stunden so schöne Beziehungen schuf."[3]

Der Kongress in Berlin verdeutlicht exemplarisch, welche Möglichkeiten und Chancen solche großen Treffen für die Bewegung boten, aber auch, welche Risiken in ihnen verborgen waren. Denn trotz des glänzenden Erfolges, der der Öffentlichkeit präsentiert wurde, gab es im Hintergrund Debatten darüber, wann welche Person wo was sprechen konnte oder sollte, wer eingeladen wurde und wer eben auch nicht. Kongresse werden so verstanden auch zu Orten der Herstellung einer hegemonialen Deutung der gemeinsamen Bewegung.

Neben diesen internationalen Großereignissen standen aber auch nationale Tagungen und Kongresse, auf denen bestimmte Themen gemeinsam erarbeitet, bzw. Agitationen der Bewegung geplant wurden.

Die Ariadne – Forum für Frauen- und Geschlechtergeschichte möchte sich mit Heft 76 diesen spezifischen Orten (inter)nationaler Zusammenarbeit zuwenden.

[1] Alice Salomon: Der Internationale Frauenkongress, in: Soziale Praxis, 13. Jg., 1904, Sp. 1041.
[2] Alice Salomon: Charakter ist Schicksal, Weinheim 1983, S. 81.
[3] Gertrud Bäumer: Eindrücke vom Internationalen Frauenkongress, in: Die Frau, 11. Jg., 1903/04, S. 578.

 

Ansprechpartnerin

Kerstin Wolff