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Ariadne 77: Unfruchbare Debatten? 150 Jahre gesellschaftspolitische Kämpfe um den Schwangerschaftsabbruch

Spätestens seit dem Jahr 2017, als die Gynäkologin Kristina Hänel durch das Gießener Landgericht verurteilt wurde, ist das Thema Schwangerschaftsabbruch wieder intensiver öffentlich diskutiert. Vor dem Hintergrund des Artikels 219a StGB, der Schriften zu Schwangerschaftsabbruch „eines Vermögensvorteils wegen“ unter Strafe stellt, gelten die von Hänel zur Verfügung gestellten Homepage-Informationen zu Möglichkeiten eines induzierten Aborts in ihrer Praxis als illegale Werbung. Insbesondere konservative Abtreibungsgegner*innen nutzen diesen Paragrafen für ihre Zwecke – und eröffneten mit ihren vielfachen Anzeigen gegen Mediziner*innen eine meist hoch emotional geführte Debatte in Gesellschaft, Politik und Medizin.

Ausgehend von dieser Zäsur werden wir die lange Geschichte der Abtreibung und ihrer Diskussion beleuchten. Dabei geht es uns sowohl um historische Praxen in ihren jeweiligen sozialen, religiösen und wirtschaftlichen Kontexten, als auch um inter-/nationale Narrative, die sich rund um das Thema Schwangerschaftsabbruch, dessen Darstellung und Wahrnehmung strickten und um die juristischen Wege, die in beiden deutschen Staaten zu diesem Thema zurückgelegt wurden.

Inhalt:

Wider den »schwächlichen Fortpflanzungswillen«. Legislative Ansätze zur Regulierung von Schwangerschaftsabbrüchen im Ersten Weltkrieg
Leonie Kemper

Psychiatrische Begutachtungen. Die Verfahren bei einem Schwangerschaftsabbruch nach einer Vergewaltigung 1945 bis 1947
Jelena Wagner

Das reaktionäre Weltbild eines medizinischen Pioniers. Die Blechschmidt-Sammlung als Beispiel von Wechselwirkungen zwischen Wissenschaft und ›Lebensschutz‹
Anna Domdey

Liberalisierung im Namen der Fremdbestimmung? Kopplungen von Behinderten- und Frauenrechten in westdeutschen Debatten um den § 218 von den 1960er bis in die 1990er Jahre
Raphael Rössel

Schwangerschaftsabbruch in BRD und DDR. Ein Vergleich der Entwicklungen und die Neuregelung der 1990er Jahre
Ulrike Busch und Daphne Hahn

Die doppelte Wahrnehmungsstörung. Abtreibende Frauen, die neue Frauenbewegung und der patriarchale Gründungskonsens der Bundesrepublik
Isabel Heinemann

Nach Belgrad, London oder Den Haag. Abtreibungsreisen westdeutscher Frauen in den 1970er und 1980er Jahren
Claudia Roesch

Zwischen Selbsterfahrung und Bundespolitik. Ein persönlicher Erfahrungsbericht zur Arbeit einer autonomen § 218-Gruppe
Gisela Hermes und Ildikó Szász

Recht und Rechtswirklichkeit. Schwangerschaftsabbruch in Europa
Anja Titze

(K)Ein ›Kompromiss‹? Der Konflikt um die Neuregulierung des Schwangerschaftsabbruchs in Polen in den 1980er/1990er Jahren
Michael Zok

Verpasste Modernisierung. Die Konsolidierung patriarchaler Staatlichkeit in juristischen Diskursen über die gesamtdeutsche Regulierung des Schwangerschaftsabbruchs 1990 bis 1993
Ulrike Lembke

... das wir uns das nicht gefallen lassen würden! Interview mit Nora Szász


Ansprechpartnerin

Dr. Kerstin Wolff

Redaktion

Dr. med. Marion Hulverscheidt, Mirjam Höfner, M.A., Dr. Kerstin Wolff

Erscheint voraussichtlich

Mai 2021