Ansprechpartnerinnen
Prof. Dr. Kerstin Wolff
Nana Citron
Projektbetreuung
Bearbeiterin
Laufzeit
01.09.2026 - 31.12.2027
Finanziert durch das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur
Die „alte“ und die „neue“ Frau.
Die Zeitschrift Die Frau im Spannungsfeld von bürgerlicher Frauenbewegung und NS-Frauenpolitik
Das „Ende“ der „alten“ (vor allem liberal-bürgerlichen) deutschen Frauenbewegung wird in der Forschung mit dem Jahr 1933 und der Selbstauflösung des BDF angesetzt.[1] Das Publikationsorgan des BDF, Die Frau – Monatsschrift für das gesamte Frauenleben unserer Zeit (1893-1944), überdauerte jedoch diese Zäsur und wurde bis zum Jahrgang 51 in 1943/1944 weiterhin publiziert. Unter nationalsozialistischer Herrschaft navigierte sie unter der Herausgeberschaft von Gertrud Bäumer und der scheinbar wenig aktiven ehemaligen DVP-Abgeordneten Frances Magnus v. Hausen bis 1944 zwischen Selbstbehauptung und Anpassung. Die Zeitschrift ist damit Beleg eines hochpolitischen Prozesses der schrittweisen Anpassung, Selbstzensur und diskursiven Transformation des wichtigsten publizistischen Organs der liberal-bürgerlichen deutschen Frauenbewegung unter den Bedingungen der nationalsozialistischen Diktatur.
Das Projekt erforscht mit Hilfe einer vergleichenden, diskursanalytischen Untersuchung der Jahrgänge 1930 - 1944, wie sich Die Frau unter nationalsozialistischen Bedingungen transformierte: Welche Inhalte bewahrte sie und wie positionierte sie sich zwischen Selbstbehauptung und Anpassung? Zentral sind folgende Forschungsfragen: Wie veränderten sich zentrale Begriffe wie „Mütterlichkeit/Mutterschaft“, „Volksgemeinschaft“ und „Frauenbewegung“ in ihren Bedeutungen und Häufigkeiten zwischen 1930 und 1944 im Diskurs der Zeitschrift? Welche Rolle spielte die im Nationalsozialismus neu aufgestellte Erzählung über die Frauenbewegung des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts im Publikationsorgan Die Frau? Und wie stand Die Frau zum publizistischen Konkurrenzbild der nationalsozialistischen „neuen“ Frauenbewegung, die hohe NS-Funktionärinnen und die Zeitschrift NS-Frauen-Warte regelmäßig aufriefen?
Neben einem Blick auf Die Frau und die NS-Frauen-Warte werden auch die Aneignungsstrategien der Nationalsozialistinnen untersucht. Diese beschrieben die „alte“ Frauenbewegung als im Kern berechtigt, aber durch Individualisierung, Intellektualität und „jüdische Einflüsse“ als vom Ziel abgekommen. So wurde Raum geschaffen, um den Nationalsozialismus als „neue gewaltige Frauenbewegung“[2] zu propagieren.
Es ist bemerkenswert, dass eine Zeitschrift unter einer Herausgeberin, die vor 1933 als führende Vertreterin der liberal-bürgerlichen Frauenbewegung[3] galt, bis 1944 unter NS-Bedingungen weiter publizieren durfte. Hier zeigt sich mit aller Deutlichkeit, dass die NS-Frauenpolitik und ihre Verhandlungen mit der liberal-bürgerlichen Frauenbewegung komplexer ist als bislang angenommen. Das Projekt leistet einen Beitrag zur Geschichte der Frauenbewegung im Übergang von der Weimarer Republik zum NS-Staat und zur Frage, wie Kontinuität und Wandel von Frauenbewegungsdiskursen unter extremen politischen Bedingungen funktionieren.