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Ingeborg Küster 1909-2004

„Behutsam? – nein, das sind wir nicht. Das Salz der Erde? – Vielleicht, wer weiß? Und wenn wir uns anfänglich auch einmal vergreifen, so wollen wir doch versuchen, wenigstens die richtige Suppe zu versalzen.“ *

Ingeborg Küster war eine der führenden Frauen in der Westdeutschen Frauenfriedensbewegung der 1950er und 1960er Jahre. In dem zu dieser Zeit von ihr geleiteten Fritz-Küster-Verlag erschien u.a. 1952 bis 1974 die Zeitschrift Frau und Frieden.

Kindheit und Jugend

Ingeborg Küster, geb. Andreas, entstammte einem politisch geprägten Elternhaus. Sie wuchs zunächst in Wuppertal auf; als ihr Vater, Franz Andreas, 1921 Parteisekretär der SPD für den Bezirk Niederelbe wurde, zog die Familie nach Norddeutschland. 1923-1931 war Franz Andreas Gemeindevorsteher in Altkloster, einem Stadtteil von Buxtehude. Er hat seiner Tochter offenbar früh pazifistische Überzeugungen vermittelt. Ingeborg Andreas begann ihre berufliche Laufbahn 1923, im Alter von 14 Jahren, im Büro einer Papierfabrik. ging jedoch fünf Jahre später nach Wiesbaden, um in der Redaktion der pazifistischen Zeitung „Die Menschheit“ zu arbeiten. Ein Jahr später wurde sie in Berlin Sekretärin des Vorsitzenden der Deutschen Friedensgesellschaft (DFG), Fritz Küster. Küster war auch Herausgeber der Wochenschrift ‚Das Andere Deutschland‘, in deren Redaktion Ingeborg Küster ab 1931 mitarbeitete. Parallel zu ihrer journalistischen Arbeit besuchte sie in Berlin als Gasthörerin Vorlesungen an der Hochschule für Politik.1

Nationalsozialismus

1933 verlor Ingeborg Andreas wegen der Verhaftung Fritz Küsters und der Auflösung des Büros der DFG durch die Nationalsozialisten ihren Arbeitsplatz. Sie arbeitete nachfolgend für verschiedene Arbeitgeber, u. a. bei der Allianz-Versicherungs-AG2 und engagierte sich für die Freilassung Fritz Küsters, der in den nächsten Jahren in mehrere Gefängnisse und Konzentrationslager verbracht wurde. Mit dem zwanzig Jahre älteren Mann verband sie längst nicht mehr nur die Politik, sondern auch die Liebe. „Ein ganzes Jahr lang hatte mein Chef versucht, mich durch kalte und unpersönliche Briefe zu entmutigen. Zur Zeit seiner Verhaftung war ich 23 Jahre alt. Er meinte, ein Politiker dürfe keine Frau an sich binden. […] Fritz Küster dachte nie an seinen persönlichen Vorteil, ich sollte die Entbehrungen dieser Jahre nicht seinetwegen auf mich nehmen. Ein Jahr später wußte er, daß meine persönliche Zuneigung und eine feste politische Überzeugung durch nichts zu erschüttern waren. Er wußte, daß ich unser gemeinsames Schicksal längst voll und ganz angenommen hatte.“3 In der Broschüre „Was draußen geschah" berichtet sie über die Jahre 1933 bis 1938, in denen Fritz Küster in verschiedenen Konzentrationslagern interniert war, u. a. in Oranienburg und in Buchenwald. Nachdem sie seine Entlassung aus dem Konzentrationslager Buchenwald4 erreichen konnte, heirateten Ingeborg und Fritz Küster 1938. Zwar hatte es bei Ingeborg zuvor wohl Irritationen durch einen Walter5 und/oder Heinz6 gegeben, letztlich entschied sie sich aber für Fritz. Das Paar bekam 1939 die Tochter Lore und 1944 den Sohn John-Christoph.

Die Nachkriegsjahre

Die Jahre bis 1945 waren geprägt von Überlebenskämpfen. Fritz Küster konnte allerdings bald nach dem Krieg in Hannover den Fritz-Küster-Verlag gründen, der bis zur Währungsreform 1948 prosperierte. Ingeborg hatte mit einer schweren Rückenerkrankung zu tun, darüber hinaus bewirkte die nun ganz professionelle Organisation des Verlages, dass sie auf Familie und Kinder zurückgeworfen wurde. „Fritz richtete sich in der Stadt sein erstes kleines Büro ein, dann das zweite, größere […] Stenotypistinnen, Buchhalter, Versandfachleute, Abteilungsleiter, Redakteure und ein Verlagsdirektor schufen eine Arbeitswelt, an der ich nicht Anteil haben konnte. […] Niemals hatte ich während der vergangenen zwölf Jahre im Dritten Reich angenommen, daß ich beim Wiederaufbau in der Stunde Null im Abseits stehen würde. Selbst das Abtippen von Manuskripten war jetzt Sache von Angestellten“.7 Als Redakteurin war sie nicht mehr gefragt. „Fritz war früh am Morgen schon unterwegs […] Er fuhr mit Auto und Chauffeur, was ihm Gelegenheit gab, während der Fahrt zu arbeiten. Abends kam er spät nach Hause. Beim sonntäglichen Frühstück und am Mittag aßen wir zusammen, aber in den übrigen Stunden am Wochenende saß Fritz auch zu Hause am Schreibtisch oder es kamen leitende Herren, um mit ihm in Ruhe zu sprechen. Frauen hatten damals auch bei uns keine ‚Position‘“8 Dass Ingeborg Küster dennoch nicht nur Gattin und Mutter blieb, sondern sowohl beruflich erfolgreich als auch wieder politisch aktiv wurde, liegt sicher in ihrer politischen Sozialisation begründet, wurde aber durch zeitgeschichtliche Entwicklungen begünstigt. Die Währungsreform 1948 führte dazu, dass der Verlag nach kurzer Zeit zahlungsunfähig wurde. Nun war sie als Redakteurin wieder gefragt und konnte dem auch nachkommen, weil ihr Rückenleiden zwischenzeitlich weitgehend geheilt worden war. Sie stieg mit Begeisterung wieder ein, „da die Tätigkeit als Journalistin und Redakteurin meinen Vorstellungen und, wie sich später herausstellte, auch meiner Begabung entsprach.“9

Von der Frau an seiner Seite zur Friedensaktivistin und Verlegerin

Zur Frauenfriedensbewegung hatte Ingeborg Küster zunächst keinen Kontakt. Selbst als sie aufgefordert wurde, 1951 am „Kongress der Frauen und Mütter für den Frieden“ in Velbert teilzunehmen, reagierte sie zunächst desinteressiert: „Muß das sein?“10, fuhr jedoch mit und wurde umgehend infiziert. „Am Schluß dieses Kongresses in Velbert, dessen Ziel es war, die Frauen als Kriegsgegner zusammenzuführen und als Gegnerinnen der Remilitarisierung zur aktiven Mitarbeit zu motivieren, waren wir alle bereit, in dem jeweiligen Bundesland eine Organisation zu schaffen. Ich habe dann im Bus meine Adresse für die niedersächsischen Frauen bekannt gegeben.“11 Auf mehreren im Nachlass überlieferten Audiokassetten erzählt sie davon, wie sie von diesem „allgemeinen Enthusiasmus“12 erfasst wurde.13 Sie wurde eine der Hauptorganisatorinnen eines weiteren Kongresses am 2. Dezember 1951 in Cuxhaven. Dieser Kongress wurde jedoch in ‚letzter Minute‘ vom zuständigen Regierungspräsidenten abgesagt. Daraufhin ließ die Polizei viele Teilnehmerinnen nicht zum Veranstaltungsort durch und einige – unter ihnen auch Ingeborg Küster – wurden abgeführt und vernommen. In „Windstärke 11 in Cuxhaven. Ein kräftiges Tief zog von Stade herauf. Ein Hoch für 300 mutige Frauen!“ schildert Ingeborg Küster die Geschehnisse um diesen Frauenfriedenstag.

So wurde sie zu einer der Gründerinnen der Westdeutschen Frauenfriedensbewegung (WFFB) [verlinken auf Dossier WFFB] und gehörte bis zu deren Auflösung 1974 der geschäftsführenden Leitung und dem Präsidium an. Sie sprach auf vielen Veranstaltungen, reiste als Vertreterin der WFFB u. a. in die ehemaligen Ostblockstaaten (Sowjetunion, DDR, CSSR) und zu internationalen Frauenfriedenskongressen und pflegte Kontakte zu Frauenorganisationen weltweit. Sie schrieb Artikel für die monatlich erscheinende Zeitschrift „Frau und Frieden“, deren Redaktion sie von 1952 bis 1974 angehörte. „Frau und Frieden“ erschien im Fritz-Küster-Verlag, dessen Leitung sie übernommen hatte, nachdem Fritz Küster 1958 einen Schlaganfall erlitten hatte.

Demokratische Fraueninitiative

Mit Auflösung der WFFB 1974 hörte Ingeborg Küsters Engagement für den Frieden und die Frauen jedoch nicht auf. Sie gründete in der Mitte der 1970er Jahre u. a. mit Elly Steinmann die Demokratische Fraueninitiative (DFI). Ab 1960 engagierte sie sich in der Partei Deutsche Friedens-Union (DFU), wurde deren niedersächsische Landesvorsitzende und kandidierte 1965 für den Bundestag. Die DDR, deren Ideologie Ingeborg Küster nahestand, ehrte sie im Mai 1974 mit der Carl-von-Ossietzky-Medaille des Friedensrates der DDR und 1989 mit der Joliot-Curie-Medaille in Gold.14

Bis ins hohe Alter hinein berichtete Ingeborg Küster auf vielen Veranstaltungen als Zeitzeugin über ihr Leben und vor allem über ihr Engagement für den Frieden und ihre Reisen in die DDR, nach Kuba, Polen, Ägypten, in die Sowjetunion und andere Länder. Sie ließ sich für Radiosendungen interviewen und veröffentlichte ihre Lebenserinnerungen.
Ingeborg Küster starb 2004 im Alter von 95 Jahren.

Die Überlieferung

Der Nachlass von Ingeborg Küster im Archiv der deutschen Frauenbewegung enthält vor allem Korrespondenz, u. a. der geschäftsführenden Leitung der WFFB, sowie eine kleine Sammlung von Unterlagen zu mehreren Frauenfriedenskongressen der 1950er Jahren. Den Hauptteil des Nachlasses bilden 41 Audiokassetten, auf denen neben Aufnahmen von Veranstaltungen mit Küster auch ihre erzählten Lebenserinnerungen zu hören sind.

Einen großen Teil ihres Nachlasses hatte sie 1988 zusammen mit dem ihres Mannes in das damit gegründete Fritz Küster-Archiv für Geschichte und Literatur der Friedensbewegung gegeben. Das Archiv war vom ehemaligen Institut für Politikwissenschaften der Carl-von Ossietzky-Universität Oldenburg eingerichtet worden, hatte allerdings leider keine lange Lebensdauer und wurde bereits 2010 wieder aufgelöst. Mit der Auflösung wurde die Sammlung geteilt: Die Archivalien der Deutschen Friedensgesellschaft — Internationale der Kriegsdienstgegner e.V. (DFG/IdK) wurden vom Archiv der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg übernommen. Der andere Sammlungsteil kam in das „Archiv der sozialen Demokratie“ der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn. Unter dem Bestandsnamen „Fritz-Küster-Archiv / Sammlung Appelius“ können die Archivalien dort eingesehen werden. Neben zahlreichen Unterlagen von Ingeborg Küster lagern hier auch Archivalien anderer aktiver Friedensfrauen, u. a. von Hilde Spier (Hamburg) und Grit Weisberg (Essen).


Anmerkungen

* Ingeborg Küster: Das Salz der Erde, in: Frau und Frieden. Westdeutsche Frauenfriedensbewegung, 1952, Nr. 6, S. 6.

1 Vgl. Auszug aus dem Manuskript der Sendung: Ein Frauenleben für den Frieden. Ein Porträt der Pazifistin Ingeborg Küster von Ulrike Müller am 30.04.2002, AddF, NL-P-27 ; 4-2, S. 4.
2 Vgl. Ingeborg Küster, in: VVN-Bund der Antifaschisten (Hg.) (1983): Hannoversche Frauen gegen den Faschismus 1933-1945. Lebensberichte. ein Beitrag zur Stadtgeschichte, Antifaschistische Reihe Bd. 4, Hannover, S. 13.
3 Ingeborg Küster, in: VVN-Bund der Antifaschisten (Hrsg.): Hannoversche Frauen gegen den Faschismus 1933-1945, Hannover, 1983, S. 10.
4 Vgl. Elisabeth Zeile: Frauen für den Frieden. Vorbilder in Vergangenheit und Gegenwart im Kampf gegen Militarismus und Krieg. Daten, Lebensläufe, Abbildungen, Zitate, Aktionen, Kongresse, Bewegungen, Organisationen, Essen, 1981.
5 Vgl. dazu Ingeborg Küster: Es ist genug, Hamburg 1986, S. 7f.
6 Vgl. dazu Ingeborg Küster: Auf dem Prüfstand, Berlin 1993, S. 116ff. Ob es sich bei Walter und Heinz um die gleiche Person oder um zwei verschiedene handelt, ist nicht mehr festzustellen.
7 Ingeborg Küster, Es ist genug, S. 93.
8 Ingeborg Küster, Es ist genug, S. 94.
9 Ingeborg Küster, Es ist genug, S. 95.
10 Dorlies Pollmann / Edith Laudowicz (Hrsg.) Weil ich das Leben liebe, Köln 1981, S. 27.
11 Ebd. S. 29
12 Ingeborg Küster: Damals in Velbert, in: Frau und Frieden 5/1952, S. 3.
13 AddF, Kassel, Nachlass Ingeborg Küster, NL-P-27 ; 6.
14 Vgl. Appelius, Stefan (1999): Pazifismus in Westdeutschland. Die Deutsche Friedensgesellschaft 1945 – 1968, Bd. II, Aachen, S. 723.

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Literatur

Ingeborg Küster: Auf dem Prüfstand. Die Frau eines Widerstandskämpfers gibt Auskunft, Berlin 1993.

Ingeborg Küster: Damals in Velbert, in: Frau und Frieden, 5. Jg., 1952, S. 3.

Ingeborg Küster: Das Salz der Erde, in: Frau und Frieden. Westdeutsche Frauenfriedensbewegung, 1952, Nr. 6, S. 6.

Ingeborg Küster: Es ist genug! Überlebens-Erinnerungen einer Pazifistin, Hamburg 1986.

Ingeborg Küster: Politik – haben Sie das denn nötig? Autobiografie einer Pazifistin, Hamburg 1983.

Ingeborg Küster: Überrollt vom Kalten Krieg. Die Gründung der Westdeutschen Frauenfriedensbewegung 1951/52, in: Fritz Küster. Der Frieden muß erkämpft werden. Aufsätze eines deutschen Pazifisten, hg. v. Stefan Appelius, Oldenburg 1989, S. 128-152.

Ingeborg Küster: Verlobung in Oranienburg, in: Frauen gegen Hitler. Berichte aus dem Widerstand 1933-45, hg. v. Gerda Zorn u. Gertrud Meyer, Berlin 1974, S. 25-27.

Ingeborg Küster: Was draußen geschah. Erlebtes zwischen 1933 und 1938, Hannover 1948.

Über Ingeborg Küster:

Stefan Appelius: Pazifismus in Westdeutschland. Die Deutsche Friedensgesellschaft 1945-1968, 2 Bde, Aachen 1991.

Florence Hervé: Brot & Rosen. Geschichte und Perspektive der demokratischen Frauenbewegung, Frankfurt am Main 1979.

Florence Hervé: Fast vergessen – die Frauenfriedensbewegung in der BRD, www.bpb.de/gesellschaft/gender/frauenbewegung/35283/friedensfrauen-im-westen (aufgerufen am 21.10.2019).

Ingeborg Küster, in: Frauen für den Frieden. Vorbilder in Vergangenheit und Gegenwart im Kampf gegen Militarismus und Krieg. Daten, Lebensläufe, Abbildungen, Zitate, Aktionen, Kongresse, Bewegungen, Organisationen, hg. v. Elisabeth Zeile, Essen 1981, S. 121-123.

Ingeborg Küster, in: Hannoversche Frauen gegen den Faschismus 1933-1945. Lebensberichte. Ein Beitrag zur Stadtgeschichte, hg. v. VVN-Bund der Antifaschisten, Hannover 1983, S. 15 (AddF, Kassel, NL-P-27 ; 2-4).

Ingeborg Küster, in: Seit 90 Jahren. Frauen für Frieden. Dokumentation, hg. v. Elisabeth Brändle-Zeile, Stuttgart 1983, S. 106-108.