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ADDF - Kassel

Wie alles begann: Debatten und Forderungen im 19. Jahrhundert

Wo aber begann der Frauenwahlrechtskampf; welches historische Ereignis löste ihn aus?

Es ist sicher nicht zu viel gesagt, dass es die Ideen der französischen Revolution waren, die ein Nachdenken darüber, ob auch Frauen ein politisches Mitspracherecht haben sollten, möglich machten. Mit der Revolution war eine generelle Debatte darüber angestoßen worden, wie eine Gesellschaft von ‚Gleichen‘ aufzubauen sei. Es war ihr Ausschluss aus dem Versprechen nach ‚Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit‘, der den Widerspruch von Frauen anstieß. Recht schnell mussten die politisch interessierten Frauen dieser Zeit nämlich erkennen, dass sie nicht unter die Brüderlichkeit gezählt wurden. Besondern bekannt geworden (allerdings auch erst seit den Forschungen der Frauengeschichte1) ist der Fall von Olympe de Gouges.

Olympe de Gouges' Forderungen

Diese wurde am 7. Mai 1748 in Montauban, Südfrankreich, geboren und kam 1770 nach Paris, wo sie in den 1780er Jahren als französische Schriftstellerin mit emanzipatorischen Schriften an die Öffentlichkeit trat. Besonders bekannt wurde sie dank ihrer politischen Schriften; vor allem das 25-seitige Büchlein mit dem Titel „Die Rechte der Frau“, das am 14. September 1791 erschienen, machte sie stadtbekannt. Herzstück des Textes war die „Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin“, der in seinem Aufbau die „Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte“ imitierte, die bereits 1789 verabschiedet worden waren. Die Schrift von de Gouges war eine „Herausforderung an die Männerwelt, aber auch an Frauen“ und gilt bis heute als „Schlüsseldokument in der Geschichte der Frauen, der Frauenbewegung und des feministischen Denkens; darüber hinaus kann er auch als ein Schlüsseldokument des modernen politischen Denkens überhaupt gelten“2 – so schätzt es die Historikerin Gisela Bock ein. In dieser Schrift wird explizit das Frauenwahlrecht gefordert und eine selbstverständliche Mitwirkung der Frauen in den Parlamenten. Olympe de Gouges überlebte ihre Schrift gerade einmal um knapp zwei Jahre. Aufgrund ihrer Schriften und ihrer darin geäußerten politischen Meinung wurde sie am Nachmittag des 3. November 1793 auf der Guillotine hingerichtet.

Erste deutsche Pionierin: Louise Otto

In Deutschland war eine der ersten, die sich für das Wahlrecht für Frauen aussprachen die 1848er Revolutionärin Louise Otto (später Otto-Peters). Louise Otto war am 26. März 1819 in Meißen als jüngstes Kind des Juristen Fürchtegott Wilhelm Otto und seiner Frau Christiane Charlotte, geb. Matthäi, geboren worden. Bereits mit 16 Jahren war sie Vollwaise und als dann ihr Verlobter Gustav Müller im Jahr 1840 plötzlich verstarb, entschloss sich Louise Otto, ihr Leben der sozialen und politischen Schriftstellerei zu widmen. Mit ihren sozialkritischen Texten geriet sie schon recht früh in Konflikt mit den Zensurbehörden, die sie zwangen, ihre Romane und Erzählungen zu entschärfen.

In der Revolutionszeit von 1848 stellte sich Louise Otto bedingungslos auf die Seite der Revolution. Sie notierte in dieser Zeit in ihr Tagebuch: „Ich erkenne meine Mission in dieser Zeit in ihrem Dienst mich an die Spitze der Frauen zu stellen. Alles was ich thue, ist in diesem Sinne.“3 Trotz aller Revolutions-Euphorie erkannte sie sehr klar, dass der Ausschluss von Frauen aus dem politischen Geschehen in der Paulskirche in Frankfurt am Main ein Geburtsfehler der Revolution war. „Wenn ich auch noch gar nicht vom weiblichen Stimmrecht zu reden wage, aber als Schmach empfand ich es doch, daß Frauen nach wie vor von politischen Versammlungen ausgeschlossen waren u. man sie nur auf den Gallerien duldete.“4 Diesem Gedanken gab sie 1849 in der von ihr herausgegeben Frauen-Zeitung Ausdruck, als sie in der ersten Nummer ihr Programm vorstellte und „das Recht der Mündigkeit“ für die Frau und „die Selbständigkeit im Staat“ forderte.5 Damit sprach sie explizit das Wahlrecht auch für Frauen an und dies in einer Zeit, in der selbst die Revolutionäre in Frankfurt am Main die Frauen von der politischen Partizipation ausgeschlossen hatten. Dieser Sicht blieb sie treu und auch in der Zeitschrift »Die sociale Reform«, herausgegeben von Louise Dittmar, forderte sie unumwunden das Wahlrecht für Frauen, denn „wir Frauen sind ein Theil dieses Volkes.6 Aber wie die Stimme ihrer französischen Schwester im Geiste auch, verhallte ihre Stimme in dieser Angelegenheit ungehört.

Hedwig Dohms publizistischer Kampf

Die nächste, die mit spitzer Feder publizistisch das Wahl- und Stimmrecht für die deutschen Frauen forderte, war die berühmte Hedwig Dohm, die die Antifeministen ihrer Zeit publizistisch bekämpfte und flammende Plädoyers für Frauenrechte in Staat und Gesellschaft hielt.

Im Jahr 1831 geboren, heiratete Marianne Adelaide Hedwig Schlesinger 1853 den leitenden Redakteur beim Satireblatt "Kladderadatsch" Wilhelm Friedrich Ernst Dohm und bekam in den nächsten Jahren fünf Kinder. Durch ihren Mann kam sie in Kontakt mit der geistigen Elite der Berliner Gesellschaft und zusammen mit ihm führte sie einen damals stadtbekannten und beliebten Salon. Aber das Leben als Mutter, Hausfrau und geistreiche Gastgeberin füllte Dohm nicht aus. Sie begann zu schreiben und verfasste zahlreiche politische Essays, Romane, Novellen und sogar einige Märchen. Bekannt geworden ist sie vor allem für ihre scharfzüngige politische Literatur. Schon die Titel verraten die Richtung ihrer literarischen Passion: "Was Pastoren von den Frauen denken", "Der Jesuitismus im Hausstande", "Die wissenschaftliche Emancipation der Frau" und "Der Frauen Natur und Recht" sind ihre Werke übertitelt, Werke, mit denen sie sich nicht nur Freunde und auch nicht nur Freundinnen gemacht hat. 1876 erschien ihr Werk: „Der Frauen Natur und Recht“, in dem sie sich intensiv mit dem Frauenstimmrecht beschäftigte. Dieser Text ist ein Fanal für das Frauenwahlrecht, der mit den Vorurteilen seiner Zeit hart ins Gericht geht. Mit der Schrift wollte die beweisen, dass das Wahlrecht tatsächlich auch ein Recht der Frau ist. Denn: „Warum soll ich erst beweisen, daß ich ein Recht dazu habe? ... Der Mann bedarf, um das Stimmrecht zu üben, eines bestimmten Wohnsitzes, eines bestimmten Alters, eines Besitzes, warum braucht die Frau noch mehr?“7 Diese Sprache, diese Argumentation waren etwas ganz Neues. Hedwig Dohm drehte den Spieß ganz einfach um und versuchte Argumente zu finden – natürlich vergeblich – warum Frauen das Stimmrecht nicht erhalten sollten und bewies so ‚durch die Blume‘, dass der Ausschluss von Frauen aus der Sphäre der Politik letztendlich auf Vorurteilen beruhte und keine legitime Grundlage hatte. Darüber hinaus wies Dohm der ab den 1890er Jahren aufblühenden Frauenbewegung den Weg. Sie schrieb: „In jeder größeren Stadt Englands und der Vereinigten Staaten bestehen Stimmrechtsvereine der Frauen. Nicht so in Deutschland. … Will die deutsche Frau, das immermüde Dornröschen, ewig schlafen? … Fordert das Stimmrecht, denn nur über das Stimmrecht geht der Weg zur Selbstständigkeit und Ebenbürtigkeit, zur Freiheit und zum Glück der Frau.“

weiterlesen Teil 2: Die Organisationsphase


Anmerkungen

1 Siehe hierzu: Gisela Bock: Frauenrechte als Menschenrechte. Olympe de Gouges’ „Erklärung der Rechte der Frau und der Bürgerin“ Beitrag zum Themenschwerpunkt „Europäische Geschichte – Geschlechtergeschichte“, in: Themenportal Europäische Geschichte, 2009, Online-Dokument unterwww.europa.clio-online.de/essay/id/artikel-3555, eingesehen am 23.02.2018.
2 Gisela Bock: Frauenrechte als Menschenrechte. Olympe de Gouges’ „Erklärung der Rechte der Frau und der Bürgerin“ Beitrag zum Themenschwerpunkt „Europäische Geschichte – Geschlechtergeschichte“, in: Themenportal Europäische Geschichte, 2009, Online-Dokument unter https://www.europa.clio-online.de/essay/id/artikel-3555#panel-quelle , eingesehen am 23.02.2018.
3 Johanna Ludwig: Eigener Wille und eigene Kraft. Der Lebensweg von Louise Otto-Peters bis zur Gründung des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins 1865. Nach Selbstzeugnissen und Dokumenten, Leipzig 2014, S. 168.
4 Ebenda, S. 175.
5 Louise Otto: Programm, in: Frauen-Zeitung, Nr. 1, 21.4.1849, S. 1.
6 Passage aus: Marion Freund: Mag der Thron in Flammen glühn. Schriftstellerinnen und die Revolution von 1848/49, Königstein/Taunus 2004, S. 116.
7 Hedwig Dohm: Der Frauen Natur und Recht; Kapitel 2: Das Frauenwahlrecht; Online-Dokument unter gutenberg.spiegel.de/buch/der-frauen-natur-und-recht-4775/2, eingesehen am 27.11.2017. Alle folgenden Zitate ebenda.




Literatur

Gisela Bock: Das politische Denken des Suffragismus: Deutschland um 1900 im internationalen Vergleich, in: dies., Geschlechtergeschichte der Neuzeit. Ideen, Politik, Praxis, Göttingen 2014, S. 168-203.

Gisela Bock: "100 Jahre Frauenwahlrecht: Deutschland in transnationaler Perspektive", Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 66. Jg., 2018, H. 5, S. 395-412.

Kathleen Canning: The Order and Disorder of Gender in the History of the Weimar Republic, in: Gabriele Metzler / Dirk Schumann (Hg.): Geschlechter(un)ordnung und Politik in der Weimarer Republik, Bonn 2016, S. 59-79.

Kathleen Canning: Das Geschlecht der Revolution – Stimmrecht und Staatsbürgertum 1918/19, in: Alexander Gallus (Hg.): Die vergessene Revolution von 1918/19, Göttingen 2010, S. 84-116.

Kirsten Heinsohn: Konservative Parteien in Deutschland 1912 bis 1933: Demokratisierung und Partizipation in geschlechterhistorischer Perspektive, Düsseldorf 2010.

Kirsten Heinsohn: Parteien und Politik in Deutschland. Ein Vorschlag zur historischen Periodisierung aus geschlechterhistorischer Sicht, in: Gabriele Metzler / Dirk Schumann (Hg.): Geschlechter(un)ordnung und Politik in der Weimarer Republik, Bonn 2016, S. 279-298.

Barbara von Hindenburg: Die Abgeordneten des Preußischen Landtags 1919–1933. Biographie – Herkunft – Geschlecht, Frankfurt a. M. 2017.

Heide-Marie Lauterer: Parlamentarierinnen in Deutschland 1918/19–1949, Königstein/Taunus 2002.

Hedwig Richter / Kerstin Wolff (Hg.): Frauenwahlrecht. Demokratisierung der Demokratie in Deutschland, Hamburg 2018.

Angelika Schaser: Zur Einführung des Frauenwahlrechts vor 90 Jahren am 12. November 1918, in: Feministische Studien 1/2009, S. 97-110.

Kerstin Wolff, 13.09.2018: Geschichte des Frauenwahlrechts in Deutschland, online-Dossier im Digitalen Deutschen Frauenarchiv.

Kerstin Wolff, 12.10.2018: Auch unsere Stimme zählt! Der Kampf der Frauenbewegung um das Wahlrecht in Deutschland in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 68. Jg., 2018, H. 42, S. 11-19. [Kerstin Wolff für "Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de by-nc-nd/3.0/"]

Kerstin Wolff: Unsere Stimme zählt ! Die Geschichte des Deutschen Frauenwahlrechts, Überlingen 2018.

Ute Rosenbusch: Der Weg zum Frauenwahlrecht in Deutschland, Baden-Baden 1998.