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Band 9
Aus dem Leben jüdischer Frauen. »Welche Welt ist meine Welt?«, hg. von Leonie Wagner/Silke Mehrwald/Gudrun Maierhof/Mechtild M. Jansen, (Schriftenreihe des Archivs der deutschen Frauenbewegung, Bd. 9), Kassel 1994, 128 Seiten, Abbildungen, ISBN 3-926068-10-8



Info:

Inhaltsverzeichnis

  • RACHEL HEUBERGER: Die Stellung der Frau im Judentum
  • Reprint: Bertha Pappenheim: Die Frau im kirchlichen und religiösen Leben
  • EVA M. SCHULZ-JANDER: Die Semantik des Exils
  • Reprint: Else Lasker-Schüler: Der Schmetterling
  • Reprint: Else Lasker-Schüler: Meine Andacht
  • Reprint: Gertrud Kolmar: Briefe an die Schwester Hilde
  • STEFANIE BRANDER: "Sollte die akademische Laufbahn für Damen eröffnet werden ...". Jüdische Philosophinnen in Deutschland: Hannah Arendt und Edith Stein
  • Reprint: Edith Stein: Zum Problem der Einfühlung
  • Reprint: Edith Stein: Erinnerungen
  • Reprint: Günter Gaus: Gespräch mit Hannah Arendt
  • INGRID STROBL: Jüdinnen im Widerstand
  • Reprint: Dorka Goldkorn: Erinnerungen an den Aufstand im Warschauer Ghetto
  • Die Autorinnen
  • Die Herausgeberinnen

Aus dem Vorwort
"Welche Welt ist meine Welt" - mit dieser Frage überschreibt die Schriftstellerin Hilde Spiel ihre Lebenserinnerungen und umreißt damit eine für jüdische Frauen in Deutschland in verschiedenen Bereichen immer wiederkehrende, das Leben bestimmende, spezifische Erfahrung. "Welche Welt ist meine Welt" kennzeichnet die Suche nach dem Ort als Frau innerhalb der jüdischen Tradition und Religion genauso, wie die nach ihrem Platz als Angehörige jüdischen Glaubens in einer christlich geprägten Welt. Im Blick auf die deutsch-jüdische, jüdisch-deutsche Geschichte stellt sie sich angesichts von Verfolgung und Massenvernichtung auch als Frage von Tod oder Überleben.

Antijudaistische und antisemitische Vorurteile gegenüber dem "Judentum" haben auch vor 1933 das deutsch-jüdische, jüdisch-deutsche Verhältnis geprägt. Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Jüdinnen und Juden in den Jahren 1933-1945 haben diesem Verhältnis nicht wiedergutzumachende Schäden zugefügt.

1950 schrieb Eva Reichmann: "... mir scheint, die Deutschen hätten die Freiheit des Wortes nicht genügend genutzt, um von den Verbrechen an den Juden zu sprechen. Bruchstückhafte Kunde, die während des Krieges aus Deutschland zu dem angsterfüllten Beobachter im Auslandgedrungen war, hatte Besseres erhoffen lassen. Nun horchten wir erwartungsvoll. Aber der Aufschrei des Entsetzens über das grauenhafteste Verbrechen, das je das Antlitz des Menschen entstellt hat, - der Aufschrei blieb aus. ... Viel schwerer als die selbstherrliche Abwehr kapitaler Verbrechen ist die Prüfung der eigenen Schwäche, die etwa zu solchen Ergebnissen führt: Wir waren bequem und gleichgültig. Der Wille zur Freiheit lebte nicht in uns, und wir wußten nicht mehr, was Recht ist. Wir fühlen, daß unser Leben verarmt ist, weil wir unsere jüdischen Mitbürger entbehren: wir vermissen sie als Anreger im Geistigen und Wirtschaftlichen, als Menschen, die schon dadurch, daß sie wie wir und doch andersartig waren, uns eine ständige Mahnung hätten bedeuten sollen zum Fortschritt in der Gestaltung menschlicher Beziehungen, zu Rechtlichkeit und Menschlichkeit. Wir haben die Mahnung damals nicht gehört zu unserer Schande und zu unserem Schaden. Daß wir sie nicht mehr in unserer Mitte hören dürfen, beklagen wir als schmerzlichen Verlust." (Eva G. Reichmann: Die Flucht in den Hass. Die Ursachen der deutschen Judenkatastrophe, Hamburg 1950)

Die Frage "Welche Welt ist meine Welt?" wird heute von der Devise "Wir sind wieder wer!" erdrückt. Aufschwung, ein neues Wirtschaftswunder und vor allem die "Abwicklung" des Alten sind die Themen, die im innerdeutschen Diskurs zur Zeit großgeschrieben werden. Vor dem Hintergrund der immer wiederkehrenden Versuche, einen Schlußstrich unter die als "lästig" empfundene Vergangenheit zu ziehen, scheint Adorno mit seiner Prophezeiung, "Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen", Recht zu behalten. Angesichts der Vereinigung der beiden deutschen Staaten werden die Forderungen nach der Beendigung der Nachkriegs-Zeit immer lauter und damit gleichzeitig die Fragen nach der Verantwortung in der Geschichte immer weiter in den Hintergrund gedrängt. Jede Erinnerung an die Verbrechen von Deutschen während der Zeit des Nationalsozialismus scheint unangenehm, und diejenigen, die durch ihre Existenz zum Gedenken an die Opfer mahnen, die JüdInnen, werden zu Schuldigen an der Katastrophe gestempelt.

Das Schweigen über die Verbrechen der Vergangenheit zielt nicht nur darauf ab, die Schuld aus dem Gedächtnis zu tilgen; das Schweigen über die Vergangenheit löscht auch die Spuren der deutsch-jüdischen Geschichte vor 1933. Heute leben in Deutschland nur noch ca. 30.000 Jüdinnen und Juden. Die Möglichkeit der Erfahrung, was jüdisches Leben in Deutschland bedeutet hat und bedeutet, ist damit äußerst schwierig geworden. Die mit der Emanzipation der JüdInnen im 18./19. Jahrhundert einsetzende vorsichtige "Akkulturation" hat das deutsche kulturelle und auch politische Leben in einer besonderen Art befruchtet. Jüdische Menschen haben in vielfältigster Weise zur kulturellen und wirtschaftlichen Blüte Deutschlands beigetragen. Jüdische Frauen, wie Rahel Varnhagen, Rosa Luxemburg, Fanny Mendelsohn, Lise Meitner, Ida Ehre oder Hannah Marron, Bertha Pappenheim, Edith Stein, Hannah Arendt, Else Lasker-Schüler oder Gertrud Kolmar sind ein Teil deutscher Geistes- und Kulturgeschichte, ein Teil deutscher Geschichte, der ebenso wie die Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden unsere Geschichte ist, und den es vor dem Vergessen zu bewahren gilt.

"Welche Welt ist meine Welt?" ist eine Frage, die sich auch in den Beiträgen dieses Buches wiederfindet. Rachel Heuberger zeigt auf, welchen Ort, welche Rolle und Aufgabe jüdische Frauen innerhalb der jüdischen Tradition und Religion innehaben. Neben der "Stellung der Frau im Judentum" in traditioneller Hinsicht, thematisiert die Autorin auch den Wandel, der mit der jüdischen Reformbewegung eingesetzt hat und die Positionen von Feministinnen innerhalb der jüdischen Gemeinden. Das Schicksal zweier jüdischer Philosophinnen - Hannah Arendt und Edith Stein - beschreibt Stefanie Brandet unter dem Titel "Sollte die akademische Laufbahn für Damen eröffnet werden...". In diesem Beitrag geht es sowohl um die Erfahrung rassistischer Diskriminierung und Ausgrenzung als auch um die Suche zweier Frauen nach ihrem Platz innerhalb des akademischen Bereichs. Eva M. Schulz-Jander geht anhand der Bedeutungen des Begriffs Exil in der deutschen wie in der jüdischen Geschichte dem Ausdruck von Fremdheit in den Texten von Else Lasker-Schüler und Gertrud Kolmar nach. Durch die Verknüpfung der Kategorien Exil und Gender zeigt sie eine neue Lesart oder "Semantik des Exils" auf.

Der Widerstand jüdischer Frauen gegen den Nationalsozialismus ist bislang kaum erforscht. Die verdienstvollen Arbeiten von Ingrid Strobl stellen hier eine seltene Ausnahme dar. Die Autorin zeigt in ihrem Beitrag "Jüdinnen im Widerstand" die wichtige Rolle, die Frauen im französischen und polnischen Widerstand innehatten. Das Bild der passiven, dem todbringenden Schicksal ergebenen Frau wird damit revidiert.

Zu jedem der Beiträge sind Reprints abgedruckt, die in den Artikeln angesprochene Aspekte vertiefen oder die beschriebenen Personen in Ausschnitten aus ihren Werken darstellen.
Dieses Buch geht zurück auf Vorträge der Autorinnen, die im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Welche Welt ist meine Welt?" im Oktober 1993 in Kooperation von dem Archiv der deutschen Frauenbewegung und der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung durchgeführt wurde.




Preis: 7.60 EUR  zzgl. Porto und Versand

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