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Band 15
Kerstin Wolff / Gilla Dölle: "Respekt für die Provinz". Kassel - die Stadt der starken Frauenbewegung, ein Streifzug durch 150 Jahre (Schriftenreihe des Archivs der deutschen Frauenbewegung, Bd. 15), Kassel 2013, 127 Seiten, zahlreiche Abbildungen, ISBN: 978-3-926068-17-0



Info:

Mit dem 15. Band der Schriftenreihe hat die Stiftung Archiv der deutschen Frauenbewegung zum 1100-jährigen Jubiläum der Stadt Kassel eine Publikation vorgelegt, die die Stadtgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert anhand der Frauenbewegung erzählt.
"So gewiß es ist, daß Berlin den großartigen Zuschnitt der Verhältnisse voraus hat, das rege politische Leben, den geschäftigen, jedes kleinste Ereignis verwertenden Journalismus - so gewiß ist auch, daß die Provinz gerade der Frauenbewegung manche Chance bietet, um die Berlin sie beneiden." Mit diesen Worten begann Ika Freudenberg, eine führende Vertreterin der Münchener Frauenbewegung, 1902 eine Verteidigung der Frauenbewegung in der Provinz. Dass Kassel der Frauenbewegung viele Chancen bot, zeigen Kerstin Wolff und Gilla Dölle und beleuchten einige zentrale und interessante Facetten der Stadtgeschichte.

Hier nun ein erster Blick auf einige frauenbewegte Stationen:

1869 gründeten sich gleich zwei Frauenvereine, die die Stadtgeschichte der nachfolgenden Jahrzehnte entscheidend mitgeprägt haben: Der Vaterländische Frauenverein, von zwölf Kasselerinnen im April des Jahres ins Leben gerufen, sah seinen Schwerpunkt in der Wohlfahrts- und Krankenpflege. Er initiierte vielfältige Einrichtungen, insbesondere das Rote-Kreuz-Krankenhaus in Kassel und die Lungenheilstätte in Kaufungen und leistete damit zur Verbesserung der städtischen Infrastruktur einen wichtigen Beitrag. Langjährige Vorsitzende, Ideen- und Finanzgeberin des Frauenvereins war die Unternehmerin Sophie Henschel.

Auch der Casseler Frauenbildungsverein wurde in dem Jahr gegründet. Im Anschluss an die im Oktober 1869 in Kassel tagende Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins schlossen sich Kasselerinnen zusammen, um Frauen und Mädchen eine bessere Bildung zu ermöglichen. Schnell initiierte der Verein verschiedene Einrichtungen wie eine Fachschule für Mädchen, einen Kinderhort und ein Lehrerinnenseminar. Gründerin war die Pädagogin und Schriftstellerin Marie Calm; ihr folgten als Vereinsvorsitzende und Schulleiterinnen Auguste Förster und Elisabeth Knipping. Die Schule entwickelte sich nicht nur zu einer wichtigen Bildungsinstitution der Stadt, die noch heute als Elisabeth-Knipping-Schule existiert, sondern auch zu einem zentralen Ort der bürgerlichen Frauenbewegung der Stadt.

1902 erfolgte der Zusammenschluss von Kasseler Fraueninitiativen zum Verband Casseler Frauenvereine. Hauptinitiatorin war die Frauenrechtlerin und Pädagogin Auguste Förster, die mit der Verbandsgründung die Kräfte der örtlichen Bewegung bündeln und den gemeinsamen Anliegen mehr Nachdruck verleihen wollte. Von zunächst elf Vereinen ins Leben gerufen, wuchs der Verband schnell an: Im Jahr 1932 repräsentierte er 12.000 Kasselerinnen aus 45 Vereinen. Der Verband betrieb eine eigene Rechtsauskunftsstelle für Frauen, später kam eine Stellenvermittlung hinzu. Während des Ersten Weltkrieges übernahm er unter der Leitung von Elisabeth Consbruch vom Deutsch-Evangelischen Frauenbund die Organisation der weiblichen Hilfsarbeit und arbeitete eng mit dem Roten Kreuz und dem Vaterländischen Frauenverein zusammen. Mit der Selbstauflösung im Jahr 1933 entging der Verband der Übernahme durch die Nationalsozialisten; der Zweck, so die letzte Verbandsvorsitzende Julie von Kästner, "alle Frauenvereine Kassels, welcher Weltanschauung, welcher Konfession sie auch angehören, zu sozialer Arbeit zu vereinigen", war durch den erzwungenen Ausschluss der jüdischen Vereine nicht mehr zu verwirklichen.

1919 wurden die ersten weiblichen Stadtverordneten ins Kasseler Rathaus gewählt. Bereits ab dem Jahr 1913 hatten sich Kasselerinnen in einem Stimmrechtsverein zusammengeschlossen und das Stimm- und Wahlrecht für Frauen gefordert. Mit der Ausrufung der Republik im November 1918 wurde diese zentrale Forderung der Frauenbewegung umgesetzt. Nach Reichstags- und Landtagswahl fand im März die erste Kommunalwahl unter weiblicher Beteiligung statt und sechs Frauen schafften den Sprung ins Parlament: Elisabeth Consbruch für die DNVP, Elisabeth Ganslandt, Johanna Waescher und Julie von Kästner für die DDP und Amalie Wündisch und Minna Bernst für die SPD. Erste ehrenamtliche Stadträtin wurde die Privatlehrerin und Frauenrechtlerin Johanna Vogt (DDP). Die „Stadtmütter“ engagierten sich vor allem in der Sozial- und Bildungspolitik. Bis 1933 waren insgesamt 15 Frauen im Kasseler Stadtparlament aktiv. Das am 1. Januar 1934 in Kraft getretene neue Preußische Gemeindegesetz bedeutete das endgültige Ende der parlamentarischen Arbeit der Frauen. Erst 1946 konnten wieder weibliche Abgeordnete ins Kasseler Stadtparlament einziehen, u.a. erhielt Elisabeth Selbert ein Mandat.

1949 wurde der Gleichberechtigungsartikel in das Grundgesetz aufgenommen. Urheberin war die Kasseler Juristin Elisabeth Selbert, die als langjähriges SPD-Mitglied von Niedersachen (Hessen hatte sein Kontingent bereits ausgeschöpft) als eine von vier Frauen in den Parlamentarischen Rat entsandt worden war. Zusammen mit der SPD-Frauensekretärin Herta Gotthelf und mit außerparlamentarischer Frauenunterstützung konnte sie den Art. 3 Abs. 2 "Männer und Frauen sind gleichberechtigt" in dieser eindeutigen Formulierung durchsetzen. In die Kasseler Stadtpolitik mischte sie sich wenig ein, zu sehr war sie für die SPD auf Bundesebene engagiert.

1976 entstand mit dem Frauenzentrum ein öffentlicher Frauenort in der Stadt. Bereits seit September des Vorjahres wurde über die „Einrichtung eines Frauenzentrums als zentralen Ort, an dem sich Frauen jederzeit treffen können, um miteinander zu reden und zu arbeiten“ gesprochen. Nachdem geeignete Räume gefunden und gemeinsam renoviert worden waren, konnte im März 1976 die Eröffnung gefeiert werden. Dass ein solcher Frauenort damals noch keine Selbstverständlichkeit war, belegt die örtliche Presse, die titelte: "Unter Ausschluss der Männer: Frauen auf einem neuen Weg". Das Frauenzentrum entwickelte sich zum Treffpunkt für neue Frauen, war Versammlungsort für Aktivitäten und Versammlungsort für einige Frauengruppen. Auch die Kasseler Frauenzeitungen - zunächst "IF. Informationen von Frauen für Frauen", danach "Tollkirsche" und schließlich das "Frauenmagazin Krampfader" - wurden hier produziert. Und, im Frauenzentrum wurde auch der Grundstein für weitere Frauenprojekte der Stadt gelegt: Viele waren im Bereich Gewalt gegen Frauen angesiedelt, ein Thema, das erst durch die neue Frauenbewegung zu einem öffentlichen gewordenen war. Es entstanden aber auch Projekte im kulturellen, im Sozial- und Bildungsbereich, Stadtteiltreffpunkte sowie Projekte von ausländischen Frauen und für Mädchen. Eine neue Infrastruktur für Frauen war entstanden, die sich wie ein Netz über die Stadt spannte. Einige dieser neuen Frauenorte existierten nur für kurze Zeit, andere aber über viele Jahre bzw. bestehen noch heute.




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