Müller-OtfriedMüller-Otfried

Paula Müller-Otfried (1865-1946)

Paula Müller-Otfried, geb. Müller, war eine Vertreterin der konfessionellen, protestantischen Frauenbewegung, welche sie als langjährige Vorsitzende des Deutschen Evangelischen Frauenbundes (DEF) maßgeblich prägte. Als Abgeordnete der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) gehörte sie von 1920-1932 der Weimarer Nationalversammlung an.

Einsatz für Frauen in der Kirche
Geboren am 7. Juni 1865 in Hoya und getauft auf den Namen Pauline Sophie Christiane Müller, wuchs sie als Tochter eines Beamten in wohlhabenden Verhältnissen auf. Nach dem Besuch der Höheren Töchterschule in Hannover besuchte sie zur Weiterbildung ein Mädchenpensionat in Lausanne. Sie engagierte sich ab 1893 in der kirchlichen Armenpflege, wo sie unter anderem mit den sozialen Nöten von Prostituierten in Kontakt kam.1

Als 1899 der DEF in Kassel gegründet wurde, baute Paula Müller die Ortsgruppe Hannover auf. 1901 übernahm sie das Amt der ersten Vorsitzenden des Bundes. In dieser Funktion warb sie für die Ziele und Forderungen ihrer Organisation, zu denen eine ausgeweitete Berufs- und Fachausbildung für Frauen, deren angemessene Bezahlung, die sich nicht nach dem Geschlecht richten sollte, sowie bessere Arbeitsschutzmaßnahmen zählten.2 Von 1904 bis 1934 war Paula Müller-Otfried Herausgeberin der Evangelischen Frauenzeitung, dem Vereinsorgan des DEF.

Mit dem Argument, „daß den Pflichten der Frauen auch ihre Rechte entsprechen müssen“3, forderte Paula Müller-Otfried anlässlich eines Vortrages im Jahr 1903 das aktive und passive Wahlrecht für Frauen in der kirchlichen Gemeinde. Das politische Frauenstimmrecht hingegen bezeichnete sie zu einem späteren Zeitpunkt als „nicht wünschenswert“, da dieses „weder im Interesse der Frauen, noch des gesamten Volkes und Familienlebens“ liege.4 Ihrer Meinung nach galt es für Frauen, sich auf anderen Gebieten um eine Verbesserung ihrer Rechtslage zu bemühen. So war eine der Forderungen des DEF, das Familienrecht auszubauen – und damit die Abschaffung des unbedingten Entscheidungsrechts des Ehemannes – sowie die Gleichberechtigung bei der Erziehung der gemeinsamen Kinder festzulegen.5

Sittlichkeit als Maßstab für eine christliche Frauenbewegung
Die Notwendigkeit der Frauenbewegung sah Paula Müller-Otfried vor allem in deren Beitrag zur weiblichen Bildung. Anlässlich eines Vortrages beklagte Müller-Otfried, dass Frauen, die sich nur im Kreise der Familie bewegten, „so vieles im Leben nur im Ausschnitt und zusammenhanglos“ sähen, während die Frauenbewegung die Urteilskraft der Frauen geschult habe.6 Es liegt nahe, dass sie auch die Vorbereitung auf ein Engagement für die Gesellschaft im Sinne christlicher Wertvorstellungen meinte, wenn sie wiederholt an den Gemeinsinn der Frauen und an ihr Verantwortungsgefühl gegenüber ihren Mitmenschen appellierte.7

Die von Müller-Otfried geforderte „Verantwortung für das Wohl anderer“8 spiegelte sich auch in ihren Ansichten über das Zusammenleben von Frau und Mann wider. Als Helene Stöcker im Bund für Mutterschutz für ein unbefangenes Kennenlernen von Mann und Frau „außerhalb der konventionellen Geselligkeit“9 plädierte, stellte sich Paula Müller-Otfried dem entgegen und machte deutlich, dass für sie die Ehe als „Grundlage des gesamten Volkslebens“10 die einzig akzeptable Form der Partnerschaft von Frau und Mann darstellte. In diesem Zusammenhang prangerte sie auch die vonseiten des Staates geduldete Doppelmoral an, die es dem Mann erlaube, sich frei außerhalb der Ehe auszuleben, während für die Frau dasselbe Verhalten „Schmach und Schande“11 nach sich ziehe. Daher lehnte Müller-Otfried, die sich der Abolitionistischen Föderation angeschlossen hatte, die Reglementierung der Prostitution ab, denn diese bedeutete für sie die „staatliche Anerkennung des Lasters“.12

Trotz aller Kritik warnte Paula Müller-Otfried vor Feindseligkeit gegenüber dem männlichen Geschlecht; gerade weil Mann und Frau verschieden seien, sollten sie einander ergänzen.13 Das in der Bibel beschriebene Ideal der „gottgewollte[n] Gefährtin und Gehilfin“ des Mannes stellte sie prinzipiell nicht in Frage, jedoch sei es für das Zusammenleben von Mann und Frau vonnöten, dass die Frau ein „Persönlichkeitsbewußtsein“14 entwickele und eigene Maßstäbe für ihr Denken und Handeln finde.

Als Frau im Reichstag
Paula Müller-Otfried trat nicht nur durch ihre Vorträge und Schriften in Erscheinung. So gründete sie z. B. mit Adelheid von Bennigsen 1905 das Christlich-soziale Frauenseminar für Frauen und Mädchen in Hannover, wo sie selbst als Dozentin für Armenpflege tätig war. Außerdem war sie im Ersten Weltkrieg für den von Gertrud Bäumer ins Leben gerufenen Nationalen Frauendienst tätig.

Das 1918 eingeführte politische Stimmrecht für Frauen, welches Paula Müller-Otfried zunächst abgelehnt hatte – und dessen Propagierung durch den BDF auch der Grund für den Austritt des DEF aus dem Bund war – verhalf ihr zu einem Sitz im Reichstag der Weimarer Republik. Als sie 1920 für die Deutschnationale Volkspartei (DNVP) kandidierte, fügte sie zur besseren Unterscheidung von gleichnamigen Abgeordneten ihrem Geburtsnamen den Namen ihres Großvaters, Otfried, hinzu.15 Bis 1932 setzte sie sich als gewählte Volksvertreterin unter anderem für den Frauen- und Jugendschutz sowie für die Belange der Kleinrentner ein.16 Nachdem Paula Müller-Otfried 1934 den Vorsitz im DEF niedergelegt hatte, zog sie sich aus der Öffentlichkeit zurück. Sie starb am 8. Januar 1946 in Einbeck.

Nachlass
Im Bestand des Deutschen Evangelischen Frauenbundes findet sich der Nachlass von Paula Müller-Otfried, der in einem Online-Findbuch erschlossen ist. Dieser umfasst fast ausschließlich Manuskripte für Artikel, Reden und Vorträge aus den Jahren zwischen 1900 und 1932.


Anmerkungen
1 Vgl. Halgard Kuhn: Paula Müller-Otfried (1865-1946), Sonderdruck, in: Inge Mager (Hg.): Frauenprofile des Luthertums. Lebensgeschichten im 20. Jahrhundert, Gütersloh 2005, S. 101f.
2 Vgl. Paula Müller: Ein Frauenprogramm. Bitten an die preußischen Ministerien, in: Hefte zur Frauenfrage Nr. 7, Berlin-Lichterfelde 1912, S. 6ff.
3 Zitiert nach Liselotte Berger: Paula Müller-Otfried (1865-1946), in: Renate Hellwig (Hg.): Unterwegs zur Partnerschaft. Die Christdemokratinnen, Stuttgart 1984, S. 90.
4 Paula Müller (Hg.): Handbuch zur Frauenfrage. Der Deutsch-Evangelische Frauenbund in seiner geschichtlichen Entwickelung, seinen Zielen und seiner Arbeit, Berlin-Lichterfelde 1908, S. 57 f.
5 Vgl. Paula Müller: Ein Frauenprogramm, S. 13f.
6 Paula Müller: Frauenbewegung und persönliches Leben. Vortrag, gehalten auf der IX. Generalversammlung des Deutsch-Evangelischen Frauenbundes in Weimar am 20. Mai 1912, in: Hefte zur Frauenfrage Nr. 15, Berlin-Lichterfelde 1914, S. 9.
7 Vgl. Paula Müller: Ein Frauenprogramm, S. 2f.
8 Paula Müller: Freiheit und Verantwortlichkeit. Eine Auseinandersetzung mit der Neuen Ethik, München 1910, S. 14.
9 Zitiert nach ebenda, S. 17.
10 Ebenda, S. 9.
11 Paula Müller: Modernes Leben und sittliche Ideale. Vortrag, in: Hefte zur Frauenfrage Nr. 11, Berlin-Lichterfelde 1912, S. 8.
12 Ebenda, S. 9f.
13 Paula Müller: Frauenbewegung und persönliches Leben, S. 11.
14 Beide Zitate: Paula Müller: Ein Frauenprogramm, S. 16.
15 Vgl. Liselotte Berger: Paula Müller-Otfried (1865-1946), S. 93.
16 Vgl. Halgard Kuhn: Paula Müller-Otfried (1865-1946), Sonderdruck, S. 114.

Digitalisate

Manuskript: Deutsche Frauenarbeit im Weltkrieg, 1918

Tätigkeitsbericht als Reichstagsabgeordnete, September 1926 - Januar 1927

Handschriftlicher Lebenslauf, um 1928

Sonderabdruck aus dem Hannoverschen Courier: Die Frauenrechte in der Kirche, vom 30. Nov. o.J.

Recherche

Online-Findbuch Nachlass Paula Müller-Otfried aus dem Bestand des Deutschen Evangelischen Frauenbundes im Archiv der deutschen Frauenbewegung

Bestände im Archiv der deutschen Frauenbewegung

Literatur

Paula Müller (Hg.): Handbuch zur Frauenfrage. Der Deutsch-Evangelische Frauenbund in seiner geschichtlichen Entwickelung, seinen Zielen und seiner Arbeit, Berlin-Lichterfelde 1908.

Paula Müller: Freiheit und Verantwortlichkeit. Eine Auseinandersetzung mit der Neuen Ethik, München 1910.

Paula Müller: Modernes Leben und sittliche Ideale. Vortrag, in: Hefte zur Frauenfrage Nr. 11, Berlin-Lichterfelde 1912.

Paula Müller: Ein Frauenprogramm. Bitten an die preußischen Ministerien, in: Hefte zur Frauenfrage Nr. 7, Berlin-Lichterfelde 1912.

Paula Müller: Die Notwendigkeit der christlichen Frauenbewegung, in: Hefte zur Frauenfrage Nr. 13, Berlin-Lichterfelde 1914.

Paula Müller: Frauenbewegung und persönliches Leben. Vortrag, gehalten auf der IX. Generalversammlung des Deutsch-Evangelischen Frauenbundes in Weimar am 20. Mai 1912, in: Hefte zur Frauenfrage Nr. 15, Berlin-Lichterfelde 1914.

Paula Müller: Die Verantwortung der Frau für die religiös-sittliche Erneuerung des Volkslebens, in: Hefte zur Frauenfrage Nr. 19, Berlin-Lichterfelde 1918.

über Paula Müller-Otfried
Liselotte Berger: Paula Müller-Otfried (1865-1946), in: Renate Hellwig (Hrsg.): Unterwegs zur Partnerschaft. Die Christdemokratinnen, Stuttgart 1984, S. 88-99.

Halgard Kuhn: Paula Mueller-Otfried (1865-1946), Sonderdruck aus: Inge Mager (Hg.): Frauenprofile des Luthertums. Lebensgeschichten im 20. Jahrhundert, Gütersloh 2005, S. 99-122.

Halgard Kuhn: Paula Mueller-Otfried, 1865 - 1946. In christlicher Verantwortung für das Gemeinwohl, herausgegeben im Juni 2015 anlässlich des 150. Geburtstages der langjährigen Vorsitzenden Paula Mueller-Otfried, [Reihe Verantwortung], Hannover 2015.