Minna CauerMinna Cauer

Minna Cauer (1841-1922)

Minna Cauer war eine deutsche Frauenrechtlerin, Publizistin und Pazifistin. Sie gilt als eine der bekanntesten Vertreterinnen des radikalen Flügels der Frauenbewegung.

Ausbildung und erste Ehe
Geboren wurde Minna Cauer am 1. November 1841 im brandenburgischen Freyenstein als Tochter des Pfarrers Alexander Schelle und dessen Frau Juliane. Nach dem Abschluss der Höheren Töchterschule wollte Minna Cauer Lehrerin werden – zur damaligen Zeit die einzige Berufsmöglichkeit für junge Frauen gebildeter Stände – was ihr jedoch aufgrund von Krankheit und mangelnder Vorbildung zunächst verwehrt blieb. Stattdessen wohnte sie weiterhin bei den Eltern, wo sie arbeiten musste „wie ein Dienstmädchen“, wie sie in ihrem Tagebuch vermerkt.1 An ihrem einundzwanzigsten Geburtstag heiratete Minna Cauer den Arzt August Latzel. Der gemeinsame Sohn starb 1865 im Alter von zwei Jahren an Diphterie. Nachdem auch ihr Mann 1866 verstarb, begann Minna Cauer mit der Vorbereitung auf das Lehrerinnenexamen. Ihre Privatstunden finanzierte sie sich durch Nachhilfeunterricht.
Nach bestandener Prüfung fasste sie den Entschluss, als Lehrerin nach Paris zu gehen, um den endgültigen Bruch mit der schmerzlichen Vergangenheit zu vollziehen, wie sie später ihre Motivation schilderte.2 Ihre Verwandtschaft, die bereits zuvor ihren erneuten Schulbesuch kritisch beäugt hatte, prophezeite ihren „sittlichen Untergang“3, was Minna Cauer jedoch nicht von ihren Plänen abhielt.

Erste Schritte als Frauenrechtlerin
Nach ihrer Rückkehr aus Paris lernte sie 1869 in Hamm ihren zweiten Ehemann kennen. Eduard Cauer, Verfechter einer Reform der Frauenbildung und Direktor der Mädchenschule, an der Minna Cauer als Lehrerin arbeitete, prägte sie maßgeblich im Hinblick auf ihr späteres Engagement als Frauenrechtlerin. In den zwölf Jahren ihrer Ehe konnte sie in liberalen Kreisen Kontakte knüpfen, darunter waren die spätere Kaiserin Victoria sowie die Frauenrechtlerin Henriette Schrader-Breymann sowie liberakle Politiker ihrer Zeit wie Heinrich Rickert oder Max von Forckenbeck.4
Nach dem Tod Eduard Cauers wurde Minna Cauer von Selbstmordgedanken geplagt5; sie ging schließlich für sieben Jahre nach Dresden, wo sie sich frauengeschichtlichen Studien widmete. Ihre Aufsätze wurden in der „Vossischen Zeitung“ anonym veröffentlicht. Als Witwe erlebte sie, „wie niedrig die Stellung der Frau war, wie sklavenhaft, wie rechtlos, wie unwürdig.“6 Diese Erfahrung und die Lektüre von Schriften wie August Bebels „Die Frau und der Sozialismus“ regten sie, die sich von der „Kleinkrämerei“7 der Frauenvereine bisher abgestoßen gefühlt hatte, an, selbst aktiv zu werden, um die Lage der Frau zu verbessern: „Es bäumte sich etwas auf in mir, eine Revolte gegen Gott und die Welt.“8
Ihr endgültiger Einstieg in die Frauenbewegung erfolgte schließlich 1888, als sie die Einladung erhielt, den „Verein Frauenwohl“ zu gründen und dessen Vorsitz zu übernehmen. Ab 1892 verfolgte sie dann erste eigenständige Themen wie die Stellung der Frau im BGB und das Frauenstimmrecht.9 Auch für die Vereinszeitschrift „Die Frauenbewegung“, die ab 1895 zweimal monatlich erschien – mit Ausnahme der Kriegsjahre 1917 und 1918, in denen pro Monat eine Ausgabe produziert wurde – zeichnete Minna Cauer verantwortlich. In ihr Tagebuch schrieb sie im Gründungsjahr des Vereins: „Ich stehe inmitten der Frauenbewegung, und mein ganzes Sein, möchte ich sagen, konzentriert sich jetzt darauf.“10 Ab diesem Zeitpunkt verpflichtete sich Cauer der Frauenbewegung ganz. Als deren erstes Ziel verstand sie die Gleichberechtigung der Geschlechter, die ihrer Meinung nach nur erreicht werden konnte durch einen Zusammenschluss aller Frauen.11 1898 erschien ihr Buch: Die Frau im 19. Jahrhundert, in dem sie die Notwendigkeit einer sinnerfüllenden Arbeit für Mann und Frau betonte.12
1899 wurde der Gegenverband zum BDF, der Verband Fortschrittlicher Frauenvereine (VFF) gegründet, nachdem klar geworden war, dass es den Vertreterinnen des sog. radikalen Flügels der Frauenbewegung um Minna Cauer und Anita Augspurg nicht gelingen würde, den BDF in ihrem Sinne zu beeinflussen. Der VFF diskutierte über Prostitution und Frauenwahlrecht, wollte die Mädchenbildung an die Jungenbildung angleichen und die Zusammenarbeit mit den Arbeiterinnenvereinen aufnehmen.13 Minna Cauer übernahm den Vorsitz.

Eine Kämpferin für Frauenstimmrecht und Frieden
Minna Cauer trat im Besonderen ein für das demokratische Wahlrecht für beide Geschlechter als Voraussetzung für weitere Verbesserungen zugunsten der Frau. So wurde sie dann auch Vorsitzende des „Deutschen Vereins für Frauenstimmrecht“, der 1902 in Hamburg gegründet wurde, um das in Preußen noch bis 1908 geltende Vereinsverbot für Frauen zu umgehen. Das gleiche Amt übernahm sie einige Jahre später im „Preußischen Landesverein für Frauenstimmrecht“.
Im Ersten Weltkrieg, dessen Ausbruch Minna Cauer mit Bestürzung aufnahm, erfuhr ihr politisches Engagement eine neue Dimension; die nach wie vor bekennende Patriotin trat nun ein für den Frieden. Während der Bund Deutscher Frauenvereine (BDF) dem Preußischen Innenministerium den Plan eines „Nationalen Frauendienstes“ unterbreitete, der sich als weiblicher Beitrag zum Kriegsdienst verstand, unterstützte Minna Cauer, wie andere Vertreterinnen des radikalen Flügels, pazifistische Bestrebungen: Sie war Mitbegründerin des „Frauenbundes der Deutschen Friedensgesellschaft“ und engagierte sich für das Rote Kreuz und die Ausländerhilfe. Ihre Mitarbeit im „Bund Neues Vaterland“ endete, als dieser wegen Pazifismus verboten wurde. Einen weiteren Rückschlag erlebte sie, als „Die Frauenbewegung“ ab 1915 zensiert wurde. Man drohte ihr gar mit der Einstellung des Blattes. Wie viele andere PazifistInnen mit ihr zeigte sich auch Minna Cauer entsetzt über die Bedingungen des Versailler Vertrages; ein Manifest zur Versöhnung mit Frankreich wollte sie nicht unterschreiben, als der „Bund Neues Vaterland“ sie im Februar 1922 dazu aufforderte.14

Die letzten Lebensjahre: Erfüllung im Alter
Allen privaten und beruflichen Enttäuschungen zum Trotz sah Cauer ihren einzigen Lebenszweck im Engagement für die Gesellschaft, dieses führte sie auch im hohen Alter unermüdlich weiter.
Ihre Ziele sah sie erreicht, als 1918 die Einführung des gleichen, geheimen, direkten und allgemeinen Wahlrechts verkündet wurde. In ihrem Tagebuch notierte sie: „Traum meiner Jugend, Erfüllung im Alter! Ich sterbe als Republikanerin!“15
Ihr Lebenswerk, „Die Frauenbewegung“, stellte Minna Cauer im Dezember 1919 ein, zum einen weil die fast Achtzigjährige ihre Aufgabe als Kämpferin für das Wahlrecht erfüllt sah, zum anderen weil sie Schwierigkeiten hatte, die Publikation weiterhin zu finanzieren. Hinter diesem Entschluss stand jedoch nicht zuletzt die Auffassung, dass die Frauenbewegung, die Cauer für „veraltet“16 hielt, eine Aktualisierung erfahren müsse, um den neuen politischen Gegebenheiten gerecht zu werden und um die Gleichberechtigung von Mann und Frau weiter voranzutreiben. Minna Cauer starb am 03. August 1922 in Berlin an einem Herzanfall.

Nachlass
Neun Briefe aus der Zeit von 1907-1917, die Minna Cauer in ihrer Funktion als Herausgeberin und Redakteurin der Zeitschrift „Die Frauenbewegung“ schrieb finden sich im Bestand der Stiftung. Der überwiegende Teil ist an die Schriftstellerin Grete Meisel-Hess gerichtet; in ihnen geht es um das Rezensieren von Büchern bzw. den Abdruck von Artikeln der Schriftstellerin. Die Zeitschrift „Die Frauenbewegung“ kann in ihrer gesamten Laufzeit in Kassel eingesehen werden.
Ihr Nachlass liegt im Internationalen Institut für Sozialgeschichte in Amsterdam, darunter ihre Tagebücher, Notizen und umfassende Korrespondenzen.


Anmerkungen

1 Else Lüders: Minna Cauer. Leben und Werk, Gotha 1925, S. 7.
2 Ebenda, S. 17f.
3 Ebenda, S. 18.
4 Gabriele Braun-Schwarzenstein: Minna Cauer. Dilemma einer bürgerlichen Radikalen, in: Feministische Studien, 1/ 1984, S. 99-116, hier S. 107.
5 Else Lüders: Minna Cauer, S. 49.
6 Ebenda, S. 49.
7 Ebenda, S. 55.
8 Ebenda, S. 50.
9 Gabriele Braun-Schwarzenstein: Minna Cauer, S. 109
10 Else Lüders: Minna Cauer, S. 75.
11 Vgl. Programm, in: Die Frauenbewegung. Revue für die Interessen der Frauen, 1. Jg., 1895, S. 1.
12 Dagmar Jank: “Vollendet, was wir beginnen!” – Anmerkungen zu Leben und Werk der Frauenrechtlerin Minna Cauer (1841-1922), Berlin 1991, S. 11 (Ausstellungsführer der Universitätsbibliothek der Freien Universität Berlin).
13 Susanne Kinnebrock: Anita Augspurg (1857-1943). Feministin und Pazifistin zwischen Journalismus und Politik, Herbolzheim 2005, S. 215/216.
14 Else Lüders: Minna Cauer, S. 280f.
15 Ebenda, S. 223.
16 Ebenda, S. 155.

Digitalisate

Editorial der ersten Ausgabe der Zeitschrift "Die Frauenbewegung", 1. Januar 1895

Postkarte vom 7. Oktober 1896

Brief an die Frankfurter Zeitung, 1. Oktober 1907

Editorial der letzten Ausgabe der Zeitschrift "Die Frauenbewegung", 15. Dezember 1919

Recherche

Bestände im Archiv der deutschen Frauenbewegung

Literatur

Minna Cauer: Die Frau in den Vereinigten Staaten, Berlin 1893.

Minna Cauer: Die Frau im 19. Jahrhundert, Berlin 1898.

Minna Cauer: Der fortschrittlichen Frauenbewegung gewidmet. Zum 25jährigen Jubiläum des Vereins Frauenwohl Groß-Berlin. Gegründet 1888, Berlin : Selbstverlag 1913.

Minna Cauer: Die zukünftige Bürgerin, in: Frisch ins Leben hinein, Bd. 1 / hrsg. von Gertrud Fauth Hannover 1921.

Zeitschriften
Frauenwohl, Berlin 1893-1894.

Die Frauenbewegung, Berlin 1895-1919.

Registerband der Zeitschrift »Die Frauenbewegung«, Schriftenreihe des AddF, Bd. 5

Zeitschrift für Frauenstimmrecht. Monatsschrift für die staatsbürgerliche Bildung der Frau, Berlin 1912-1918.

über Minna Cauer:
Gabriele Braun-Schwarzenstein: Minna Cauer. Dilemma einer bürgerlichen Radikalen, in: Feministische Studien, 3. Jg., 1984, S. 99-116.

Anne-Laure Briatte-Peters: Citoyennes sous tutelle. Le mouvement féministe "radical" dans l'Allemagne wilhelmienne, Bern [u.a.] 2013.

Monika Golling: Radikal, furchtlos und polemisch. „Die Frauenbewegung“ (1895-1919), in: Ariadne. Almanach des Archivs der deutschen Frauenbewegung, Kassel 1995, H. 28, S. 23-31.

Dagmar Jank: "Vollendet, was wir begonnen!". Anmerkungen zu Leben und Werk der Frauenrechtlerin Minna Cauer (1841-1922), Berlin 1991.

Ein Leben des Kampfes um Recht und Freiheit. Minna Cauer zum 70. Geburtstag, hg. von Else Lüders, Berlin 1911.

Else Lüders: Minna Cauer. Leben und Werk, Gotha 1925.

Gerlinde Naumann: Minna Cauer – Eine Kämpferin für Frieden, Demokratie und Emanzipation der Frau (1841-1922), Berlin 1988.

Dietlinde Peters: Minna Cauer, in: Henrike Hülsbergen (Hrsg.): Stadtbild und Frauenleben. Berlin im Spiegel von 16 Frauenporträts, Berlin 1997, S. 153-174.

Ilse Reicke: Die großen Frauen der Weimarer Republik. Erlebnisse im "Berliner Frühling", Freiburg im Breisgau [u.a.] : Herder 1984.