Elisabeth SelbertElisabeth Selbert

Elisabeth Selbert (1896-1986)

Elisabeth Selbert war eine SPD-Politikerin und Anwältin aus Kassel. Als eine der sogenannten „Mütter des Grundgesetzes“ erreichte sie die Verankerung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern im Grundgesetz der BRD.

Für die Mobilisierung der Frauen
Geboren wurde Elisabeth Selbert als Martha Elisabeth Rohde  am 22. September 1896 in Kassel. Sie war die zweite von vier Töchtern des Justizbeamten Georg Rohde und seiner Frau Elisabeth. Nach dem Besuch der Volksschule wechselte sie auf die Realschule, die sie ohne Reifezeugnis verließ, was sie später als „ein bitteres Unrecht“1 bezeichnete. Da ihr die Eltern den Besuch eines Gymnasiums nicht ermöglichen konnten, besuchte sie die Gewerbe- und Handelsschule des Kasseler Frauenbildungsvereins. Eine Stelle als Fremdsprachensekretärin verlor sie mit Beginn des Ersten Weltkrieges; erst ab 1916 war sie im Telegrafendienst der Post tätig. Dort lernte sie Adam Selbert kennen, den sie 1920 heiratete. Wie ihr Mann wurde Elisabeth Selbert Mitglied der SPD und engagierte sich in Kassel und Niederzwehren, dem gemeinsamen Wohnsitz, für die Mobilisierung der Frauen, die sie – als das Frauenwahlrecht eingeführt wurde – zum Gebrauch des neu gewonnenen Rechtes aufrief.2

Auf dem Weg zur eigenen Kanzlei
Während ihrer Tätigkeit als Kommunalpolitikerin stellte Elisabeth Selbert fest, dass eine politische Mitarbeit fundierte fachliche Kenntnisse erforderte3, sodass sie sich zur Aufnahme eines Universitätsstudiums entschloss. Dafür holte sie zunächst ihr Abitur nach, das sie 1926 als erste Frau in Kassel in einer externen Prüfung bestand. Im selben Jahr begann die zweifache Mutter ein Studium der Rechts- und Staatswissenschaften in Marburg, das sie in der Regelstudienzeit von sechs Semestern abschloss; die Dissertation über „Ehezerrüttung als Scheidungsgrund“ folgte im siebten Semester. Während dieser Zeit konnte sie auf die Unterstützung ihrer Eltern und ihres Mannes bauen, die sie im Haushalt entlasteten und die Kinder betreuten.4

Dass sie noch 1934 als eine der letzten Frauen zur Anwaltschaft zugelassen wurde, hatte Elisabeth Selbert zwei älteren Richtern des Kasseler Oberlandesgerichts zu verdanken, die die Zulassung in Abwesenheit des Präsidenten aussprachen. So konnte Selbert im gleichen Jahr in Kassel ihre eigene Kanzlei mit dem Schwerpunkt Familienrecht eröffnen.5  Diese florierte während des Krieges, u.a. weil viele männliche Kollegen zum Militärdienst einberufen worden waren.6 Unter der NS-Herrschaft erlebte Selbert als Anwältin, wie SA-Leute im Gerichtssaal saßen und die Gestapo die Rechtsprechung überwachte.7 Später berichtete sie von „kleinen Widerstandsleistungen“8einiger Anwälte, die bemüht waren, ihre Mandanten vor der KZ-Haft zu bewahren.

Eine der Mütter des Grundgesetzes
Als politisch Unbelastete konnte Elisabeth Selbert bald nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ihre Kanzlei wiedereröffnen. Gleichzeitig führte sie ihr politisches Engagement fort, das mit ihrer Entsendung in den Parlamentarischen Rat nach Bonn einen Höhepunkt fand. Als eine von vier Frauen – neben ihr gehörten auch Frieda Nadig (SPD), Helene Weber (CDU) und Helene Wessel (Zentrum) dem Rat an – arbeitete Selbert in mehreren Fachausschüssen. Bekanntheit erlangte sie jedoch vor allem durch ihren Einsatz für die Formulierung des Artikel 3 Absatz 2 des neuen Grundgesetzes: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“  Nachdem ihr Vorschlag zweimal abgelehnt worden war, wagte sie den ungewöhnlichen Schritt an die Öffentlichkeit und bewirkte einen Beschwerdesturm von Frauenverbänden und Einzelpersonen, die Petitionen an den Parlamentarischen Rat schickten, um Selbert in ihrem Anliegen zu unterstützen.9 So gelang schließlich in der entscheidenden Sitzung am 18. Januar 1949 die Annahme des Gleichheitsgrundsatzes als unveräußerliches Grundrecht. Die Aufnahme des Satzes bedeutete die Verpflichtung des Gesetzgebers, alle dem Prinzip der Gleichberechtigung entgegenstehenden Gesetze anzupassen.10

Ein unermüdlicher Einsatz für (gleiche) Rechte
Elisabeth Selbert musste nach dem Krieg feststellen, dass das Thema Gleichberechtigung für viele Wähler und vor allem Wählerinnen nicht von Interesse war; man konzentrierte sich zunächst auf den Wiederaufbau des Landes.11 In der Überzeugung, dass der Kampf um Gleichberechtigung „nicht Männer- sondern Frauensache“12 sei, richtete Elisabeth Selbert noch Jahrzehnte später an Frauen den Appell, sich stärker politisch zu organisieren.13 Während ihrer Zeit im Wiesbadener Landtag widmete sie sich selbst einer Vielzahl von Angelegenheiten, die nicht nur „Frauenthemen“ waren. So galt ihr Einsatz beispielsweise der Entnazifizierung, der Verbesserung der rechtlichen Lage psychisch kranker Menschen sowie dem sozialen Wohnungsbau.14

In ihrer Kanzlei, die sie bis ins 86. Lebensjahr führte, verschrieb sich Elisabeth Selbert,  die für eine abgeschlossene Berufsausbildung von Frauen vor der Ehe plädierte, vor allem der Ausbildung junger Anwältinnen.15 Die „,Familienrechtlerin aus Erfahrung und Staatsrechtlerin aus Passion‘“16 verstarb am 9. Juni 1986 im Alter von 89 Jahren in Kassel.

Würdigungen und Nachlass 
Bereits 1983 wurde vom Land Hessen der Elisabeth-Selbert-Preis ins Leben gerufen, der an Journalistinnen und Wissenschaftlerinnen verliehen wird. Im Jahr 2001 wurde die Ariadne, Forum für Frauen- und Geschlechtergeschichte, herausgegeben vom Archiv der deutschen Frauenbewegung, mit dem Elisabeth-Selbert-Preis ausgezeichnet. Aus Anlass des 100. Geburtstags von Elisabeth Selbert im Jahr 1996 war die 30. Ausgabe der Ariadne dem Thema „Den Frauen ihr Recht - Zum 100. Geburtstag von Elisabeth Selbert“ gewidmet.

Selberts Nachlass liegt im Archiv der deutschen Frauenbewegung und kann online in einem Findbuch recherchiert werden.

Der Nachlass, der dem Archiv der deutschen Frauenbewegung im Januar 2000 von der Familie Selbert als Schenkung übergeben wurde, umfasst 13 laufende Meter Archivgut und sechs laufende Meter Bibliotheksgut in insgesamt 137 Archivkartons und hat eine Laufzeit von 1912-1996. Er dokumentiert Elisabeth Selberts Tätigkeit im Parlamentarischen Rat, in der Verfassunggebenden Landesversammlung von Groß-Hessen, im Hessischen Landtag, in den Gremien der Sozialdemokratischen Partei sowie in verschiedenen Vereinen und Verbänden. Er enthält außerdem private Korrespondenz, Unterlagen aus dem Jurastudium und dem Referendariat sowie Unterlagen aus ihrer beruflichen Tätigkeit als Anwältin. Neben Büchern, Zeitschriften und Broschüren gibt es zahlreiche Sammlungen von Zeitungsausschnitten zu juristischen, frauenpolitischen und allgemeinpolitischen Themen. Vieles davon scheint als Grundlage für Artikel und Vorträge gedient zu haben, zu denen sich auch Manuskripte und Notizen finden.

Dem Nachlass beigefügt ist eine kleinere Sammlung Schriftgut ihres Ehemannes, des Landesrates Adam Selbert. Der Nachlass war verschiedentlich, jedoch nicht konsequent vorgeordnet, sowohl von Elisabeth Selbert selbst als auch nach ihrem Tod von Familienmitgliedern. Diese Vorordnung wurde weitmöglichst respektiert und übernommen, aber auch teilweise zugunsten der klareren Strukturierung und Nutzbarkeit des Nachlasses behutsam korrigiert. Die Klassifikation ist sozusagen die konsequente Fortführung der vorgefundenen Ordnungsansätze.


Anmerkungen

1 Barbara Böttger: Das Recht auf Gleichheit und Differenz. Elisabeth Selbert und der Kampf der Frauen um Art. 3 II Grundgesetz, Münster 1990, S. 125.
2 Vgl. Antje Dertinger: Elisabeth Selbert. Eine Kurzbiographie, Wiesbaden 1986, S. 11.
3 Vgl. Barbara Böttger: Das Recht auf Gleichheit und Differenz, S. 133.
4 Vgl. Elke Barthel: Dr. Elisabeth Selbert, in: Sabine Köttelwesch / Elke Böker / Petra Mesic (Hg.): 11 Frauen, 11 Jahrhunderte, Kassel 2013, S. 154.
5 Ebenda, S. 156.
6 Vgl. Antje Dertinger: Elisabeth Selbert, S. 17.
7 Vgl. Barbara Böttger: Das Recht auf Gleichheit und Differenz, S. 162.
8 zitiert nach Antje Dertinger: Elisabeth Selbert, S. 18.
9 Vgl. Dagmar Jank: Die Frauenrechtlerinnen Minna Cauer (1841-1922) und Elisabeth Selbert (1896-1986), in: Helene Klein / Klaus Krone (Hg.): civitas. Denkimpulse und Vorbilder, Potsdam 2003, S. 50.
10 Vgl. Antje Dertinger: Elisabeth Selbert, S. 48.
11 Vgl. Barbara Böttger: Das Recht auf Gleichheit und Differenz, S. 153.
12 Barbara Böttger: Das Recht auf Gleichheit und Differenz, S. 156.
13 Vgl. ebenda.
14 Vgl. Antje Dertinger: Elisabeth Selbert, S. 29.
15 Vgl. Elke Barthel: Dr. Elisabeth Selbert, S. 161.
16 Zitiert nach Antje Dertinger: Elisabeth Selbert, S. 24f.

Digitalisate

Promotionsurkunde, 1930

Ausweis für die Verfassungsberatende Landesversammlung in Hessen, 1946

Schreiben der Belegschaft der Firma Henschel an den Parlamentarischen Rat, 1949

Elisabeth Selberts Exemplar des Grundgesetzes mit handschriftlichen Kommentaren, 1949

Adolf Arndt an Elisabeth Selbert, 1951

Urkunde der Leuschner-Medaille des Landes Hessen, 1978

"Auf Elisabeth Selberts Spuren", Vortrag von Jutta Limbach in Kassel, 2006

Recherche

Online-Findbuch Nachlass Elisabeth Selbert

Bestände im Archiv der deutschen Frauenbewegung

Literatur

Elisabeth Selbert: Ehezerrüttung als Scheidungsgrund [Dissertation], Kassel 1930.

Elisabeth Selbert: Zur Entstehung von Artikel 3 Absatz 2 des Grundgesetzes im
Parlamentarischen Rat (1978), in: Dorothea Frandsen / Ursula Hoffmann / Annette Kuhn: Frauen in Wissenschaft und Politik, Düsseldorf 1987, S. 68-74.

über Elisabeth Selbert
Elke Barthel: Dr. Elisabeth Selbert, in: Sabine Köttelwesch / Elke Böker / Petra Mesic (Hg.): 11 Frauen, 11 Jahrhunderte, Kassel 2013, S. 149-163.

Hans-Ernst Böttcher: Elisabeth Selbert. Mehr als nur die „Mutter des Grundgesetzes“, in: Antje Peters-Hirt / Brigitte Templin (Hg.): „Vom Bewußtsein der weiblichen Würde“. Dokumentation Stadtprojekt in Lübeck. „Dem Reich der Freiheit werb' ich Bürgerinnen", Lübeck 1997, S. 125-135.

Barbara Böttger: Das Recht auf Gleichheit und Differenz. Elisabeth Selbert und der Kampf der Frauen um Art. 3 II Grundgesetz, Münster 1990.

Antje Dertinger: Elisabeth Selbert. Eine Kurzbiographie, Wiesbaden 1986.

Hessische Landesregierung (Hg.): „Ein Glücksfall für die Demokratie“. Elisabeth Selbert (1896-1986). Die große Anwältin der Gleichberechtigung, 2., unveränderte Aufl., Wiesbaden 2008.

Dagmar Jank: Die Frauenrechtlerinnen Minna Cauer (1841-1922) und Elisabeth Selbert (1896-1986), in: Helene Klein / Klaus Krone (Hg.): civitas. Denkimpulse und Vorbilder, Potsdam 2003, S. 44-51.

Annemarie Renger: Das Grundgesetz hat nicht nur Väter: zur Erinnerung an Elisabeth Selbert, in: Antje Huber (Hg.): Verdient die Nachtigall Lob, wenn sie singt?, Stuttgart 1984, S. 81-85.

Elke Schüller: Wer stimmt bestimmt? Elisabeth Selbert und die Frauenpolitik der Nachkriegszeit [Ausstellungskatalog], Wiesbaden 1996.